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Zukunft, Ziel und Zuckerwatte: Ein 6-Stufen Plan für Zielwiderstreber [sic!]

Treppe

Meine Beziehung zu Zielen ist kompliziert. Mir widerstrebt grundsätzlich alles was nach Management-Tool oder Business Analyse Modell klingt, ich aber unbedingt auf mein Leben anwenden sollte um so richtig geile Erfolge zu sehen. Statt Motivation zu verspüren fühle ich mich von Zielen unter Druck und empfinde den Weg dorthin als mühsam und langwierig (und das obwohl ich multi-passioniert und furchtbar talentiert bin). Andere wiederum schleppen Träume länger mit als Omi ihren Bausparer und bringen es einfach nicht fertig einen Schritt vor den anderen zu setzen. Und dann gibt es noch die Leute, die einfach gar keine Ziele haben, weil die Frage „Was will ich?“ ihnen mehr Angst einflößt, als ein Termin zur Kieferbohrung.

Was also passiert mit uns? Jenen Menschen, denen bloß beim Gedanken an Goal Analytics und 85-Stufen Plänen der Gusto vergeht? Game over? Bon Appetit in der imaginären Mittelklasse? Sicher nicht. Also habe ich mich hingesetzt und gefragt: Wie finden wir heraus was wir wirklich wollen und wie setzen wir diese Ziele um?

1) Sag Bye zur Einkaufsliste

Wenn es dir geht wie mir, dann grundeln deine Ziele irgendwo im Gehirn herum und finden ihre Glanzmomente, wenn du etwas siehst, das dich plötzlich wieder an das Vergessene erinnert. Das mag zwar hin und wieder für orgasmische Euphorien sorgen („AAAAAH, das will ich ja auch noch machen!) und dich vielleicht dazu verleiten es schnell und halbherzig zu deiner digitalen Einkaufsliste dazu zu notieren. Doch – nach 2 Wochen hast du es schon wieder vergessen, denn die Notiz hast du zusammen mit dem vorwöchentlichen Essensresten in den Mistkübel geschoben. Gegen dieses Dilemma hilft selbstverständlich nichts besser als eine gute alte Solo-Liste. Und zwar eine mit dem Titel: Ziele, Träume und Wünsche only. Betrachte sie als eine Art Organismus, der sich laufend erweitert, verändert und vernetzt und hüte dich davor sie in 10 Minuten runterzuschreiben. Du solltest dir zumindest drei Tage Zeit nehmen um die wichtigsten Punkte zu notieren und dir auch danach noch erlauben Geistesblitze und Alltagseuphorien zu ergänzen. Kiwis, Humus und Klopapier natürlich ausgeschlossen.

2) Hinterfrag deine Ziele

Du hast dir also Zeit genommen und deine ungeborenen Babies auf Papier oder den Bildschirm gebracht. Großartig! Jetzt legen wir jedes einzelne imaginär auf die Therapieliege und psychoanalysieren den letzten Funken Verlogenheit aus ihnen heraus indem wir ihnen und uns folgende Fragen stellen:

Entspricht das Ziel meinem Naturell?
Das Naturell eines Menschen ist – im Gegensatz zum Verhalten – die Summe aus Eigenschaften, um die wir unser Leben intuitiv herumbauen, die uns im Kern ausmachen und die sich während unseres Lebens zwar weiterentwickeln, nicht aber grundlegend verändern. Also frage dich: Fühlt sich dieses Ziel natürlich an? Bist du zum Beispiel total gerne unter Menschen, wird dein Traum alleine eine Schafherde zu hüten nicht gerade die beste Wahl sein (auch wenn Schafe lustig sind).

Wer spricht, bitte?
Manche unserer Ziele stammen von den Visionen der Großeltern oder einer Bemerkung unserer Mutter, die einmal beiläufig meinte wir wären begabt was Kunst betrifft oder geschickt beim Logarithmieren von Exponentialgleichungen (haha!). Andere Ziele entspringen unserem Ego – dem oberflächlichen Teil unserer Psyche, der immer gesehen, geliebt und gefeiert werden will (Porsche, sichtbarer Konsum, fettes Haus). Das sind dann jene Ziele, die uns unter Druck setzen, „stressen“ und in uns einen unüberbrückbaren Widerstand auslösen. Diese fremden Ziele aufzudecken erfordert Zeit und Selbstreflexion, also: Sei gut zu dir und werde nicht wütend auf deine Mutter, deinen Großvater oder deine beste Freundin nur weil du ihr Lob über irgendeines deiner Geschicke zu einem ernsthaften Ziel heranreifen ließt.

Wie lange schleppe ich dieses Ziel schon mit mir herum?
Manche Ideen überdauern die Jahrzehnte und bleiben bis zum heutigen Tag unerreicht oder der Weg dorthin gänzlich unbeschritten. An dieser Stelle kannst du dich fragen ob es dir bis jetzt einfach an Disziplin fehlte oder du tief drinnen genau weißt, dass dir dieses Ziel im Grunde so viel bedeutet wie ostfriesisches Sumo Ringen.

3) Burn, Baby, Burn!

Was jetzt kommt, ist für die meisten von uns der schwierigste Teil: Verheize deine Träume wie billiges Brennholz! Natürlich nur jene, die du im vorherigen Schritt enttarnt hast und die weder deinem Naturell, deinem Innersten oder deinen wahren Interessen entsprechen. Das kannst du machen indem du einen völlig überzogenen Ritus abziehst, mit Tequila feuerfeste Schüsseln entzündest und die auf deinem Zettel verewigten To-Dos abfackelst wie einen Papierkorb auf dem Schulhof. Oder aber, du nimmst einen richtig fetten Edding und streichst einfach durch, was nicht mehr zu dir passt.

4) Wandle deinen 5-Jahres-Plan in eine Bucket-List um

Ergänze deine Liste um alles, was du noch erleben willst – welche Länder du noch bereisen, welche Bücher du noch lesen und welche Filme du noch sehen möchtest. Meistens tendieren wir dazu Ziele als etwas Berufliches oder Fähigkeitenorientiertes zu sehen und finden uns am Ende des Prozess mit nichts als einem 5-Jahres-Plan. Deine Liste zu erweitern schärft das Auge für’s Wesentliche und unterstützt dich dabei abzugleichen, ob deine beruflichen Ambitionen tatsächlich zu deinen Lebenszielen passen. Ein Beispiel: Du investierst Zeit und Mühe in deine Ausbildung (Cheers to that!), arbeitest fleißig und hart, hast einen Status erreicht, der dich für das Unternehmen unentbehrlich macht, du verdienst gut Kohle und steuerst deine nächste Beförderung an. Eigentlich willst du aber auch: dich 6 Monate im Jahr sozial engagieren, Wassergräben in Afrika bauen und dir medizinisches Know-How aneignen. Natürlich werden jetzt viele aufrufen: ALLES IST MÖGLICH! Klar, wenn man ungefähr drei Leben hat, stimmt das. Ich will hier auch niemanden dazu auffordern seinen Job an den Nagel zu hängen um irgendwelchen Träumen hinterher zu jagen. Aber: wenn ich von ganzem Herzen SchriftstellerIn werden will und meine Miete mit dem Trinkgeld von Kellnerjobs bezahle (Double Cheers to that), jeden Tag vollkommen ausgebrannt nachhause komme, unfähig auch nur ein Wort zu Papier zu bringen, dann sollte ich mich vielleicht nach einem Job umsehen, der meine Rechnungen bezahlt, mir aber abends genug Energie zum Schreiben lässt.

5) Tritt der Überforderung in den Arsch

Brauchen Ziele Deadlines? Vielleicht. Seit es Internet, Social Media und „30 under 30“ gibt, vergleichen wir uns mit allem was aufrecht stehen und auf zwei Beinen laufen kann. Manch einem mögen Deadlines die Sicherheit geben, Dinge auch wirklich durchzuziehen. Andere fühlen sich vielleicht überfordert und tendieren dazu sich mit den Erfolgen (und den zeitlichen Errungenschaften) Anderer zu vergleichen. Für diese Menschen wäre es sinnvoller den Spieß umzudrehen und statt der beruflichen Ziele, die Lebensziele mit einer Deadline zu versehen. Außerdem solltest du jedes Ziel in winzigste Bits zu zerbröseln um sie so leichter und “unauffälliger” in den Alltag zu integrieren. Du willst einen Fallschirmsprung wagen? Recherchiere Sprungplätze, sprich mit einem erfahrenen Bekannten, such’ dir Telefonnummern raus, ruf’ dort an, buche dein Ticket, und dann:

6) Get down on it

Aber, Achtung! Das Leben ist kein Ponyhof. Selbst wenn der Fallschirmsprung vor 3 Monaten ziemlich cool geklungen hat, wirst du spätestens beim Aufsteigen des Flugzeugs das Bedürfnis haben dich für diesen Einfall kräftig zu ohrfeigen und irgendwo dort unten im festen und sicheren Boden zu versinken. Das gleiche gilt für berufliche Ambitionen, Kunst und allsonstige Leidenschaften, die du nach den oben beschriebenen Schritten als „deins“ deklariert hast. Die Geheimzutat des Erfolgs sind nämlich nicht deine Ziele (bitte stell dir mich gerade in weiter Hose, Yogapose und Heiligenschein vor) – Moment:

– sondern der Teil, wo du sie umsetzt. Schritt für Schritt, Bit für Bit, eine Stunde nach der anderen. Auch wenn du dich dabei blamierst, alles total in die Hose geht und dir die Hater von ihren hohen Rössern aus die Welt erklären, kannst du am Ende des Tages völlig unbeeindruckt erwidern: „Mach’s besser, du Honk“. Und die Wahrheit ist: Niemand, der dir groß und breit beschreibt warum dein Ding nicht funktioniert hat, wird sich tatsächlich dazu herablassen von vorne anzufangen und es überhaupt durchzuziehen. (Heiligenschein und Lifecoach-Gequatsche off)

Photo by Samuel Zeller on Unsplash

 

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