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Wie ein Sticker meinen Blog rettete: Ein ehrlicher Bericht über neue und alte Tiefpunkte

Neonleuchte "You are here"

Auf der Heckscheibe meines Autos klebt ein vergilbter Sticker. „Projekt Polly“ steht da in kaum noch sichtbaren Lettern und bildet in seinem runden rosa Kreis einen unübersehbaren Kontrast zu der schwarz lackierten Umgebung. Ich benutze meinen Kofferraum ungefähr so häufig wie andere ihre Saugglocke. Möglicherweise weil er gerade mal so groß ist wie eine schmale Küchenschublade von Ikea. Doch es passiert gerade an einem Samstag, am Parkplatz des schwedischen Möbelherstellers, als ich eine frisch verpackte Klobrille und nach Heidelbeere duftende Kerzen in den Hinterraum meines Autos packe. „Willst du den Sticker nicht langsam mal abkratzen?“, fragt mich meine Freundin und lädt einen Esszimmer-Stuhl auf die Rückbank. Ich erstarre als mein Blick auf den Sticker fällt. Meine Hand streicht liebevoll über das Plastik, während sie mit zusammengepressten Zähnen die Kartons in den Innenraum des Autos schiebt. Ich seufze laut und lächle still. „Eigentlich nicht“, sage ich als wir wieder im Auto sitzen. „Also jetzt doch nicht mehr? Aber ich brauche noch Tomaten“, sagt sie und für einen Moment sehen wir uns verwirrt an, bis sich die Falten auf unserer Stirn in lautes Lachen auflösen. „Ich dachte du meinst den Supermarkt“, erklärt sie mir als sie sich kichernd die Wimperntusche von der Wange wischt. „Was wolltest du mir sagen?“ Entschlossen nehme ich das Lenkrad in die Hand. „Projekt Polly“, sage ich „ich gebe das Aufhören endlich auf.“

Den Blog vor drei Monaten offline zu stellen, passierte nicht ohne Grund. Mein Leben hatte eine Wendung genommen, die ich so nicht vorausgesehen hatte. In dem Moment dieser Entwicklung fühlte sich nichts – nicht mal irgendetwas – richtig an, außer alles was ich hatte abzubrechen. Aus irgendeinem Grund wusste ich, dass ich mich Schritt für Schritt abtragen musste, um weiterzukommen. Und das tat ich auch. Mein Leben befindet sich im Moment an einem Punkt, an dem mir viele Dinge begegnen, die ich dachte bereits aufgearbeitet zu haben. Sicherheiten, die ich mir teilweise vor 15 Jahren zurechtgelegt habe, funktionieren heute nicht mehr. Ideen und Glaubenssätze haben ausgedient. All das lässt mich taumeln, fürchten und gleichzeitig auch vorangehen. Es ist eine Zeit des Wachstums und gleichzeitig eine der Verwundbarkeit.

Während meiner aktiven Phase auf Projekt Polly erhielt ich eine private Nachricht von einer Leserin, die fragte: „Ist dein Blog so ein Projekt „Wie finde ich mich selbst?“ Ich erinnere mich, dass ich diese Frage als Angriff empfand. Ein mildes Schamgefühl überfiel mich und ich überlegte was ich mir dabei gedacht hatte, private Gedanken und emotionale Sackgassen in Worten und für jeden sichtbar im Internet zu teilen. Warum dachte ich, war es eine gute Idee meine persönliche Evolution zu dokumentieren? Warum angreifbar machen, laut sein, ankämpfen und vor aller Augen scheitern? Plötzlich sah ich Projekt Polly als eine Art Selbsthilfegruppe in der nur ich das Wort führte und in der mich alle anderen bloß anstarrten und belächelten, wartend dass ich irgendwann endlich stolperte und fiel. Und – gefallen war ich. Nicht wegen des Kommentars, nicht wegen irgendwelcher Menschen oder „dem bösen“ Social Media, aber wegen meiner eigenen Zweifel und Ängste, die mich immer davor bewahrten wirklich hervorzutreten und ich selbst zu sein.

Doch als ich mit dem Schreiben aufhörte, verschwanden meine Fragen nicht. Desto genauer ich hinhörte, worüber meine Freunde sprachen oder sich meine Familie Sonntags beim Mittagessen den Kopf zerbrach, umso klarer wurde mir, dass ich mit meiner Suche, den Zweifeln und Ängsten nicht alleine war. Uns alle plagen die gleichen Themen. Sie beschäftigen uns in unterschiedlichen Stadien unseres Lebens. Und wir alle sind früher oder später auf der Suche nach Antworten, wie wir dieses lernen oder jenes umsetzen. Dinge, für die in der Vergangenheit zu wenig Zeit war oder die wir absichtlich nach hinten drängten, um uns das Unangenehme nicht nochmal vor Augen zu halten.

Und dann gibt es da noch die schönen Dinge im Leben, die zwischendurch und dann eintreten, wenn man sich mit den miesen ihrer Art beschäftigt hat. Freiheit und Reisen, Liebe und Zusammenhalt, gutes Essen, Schönheit, Kreativität und Abenteuer. Eine Balance der Harmonie und der Dystopie. Ja – im Grund genommen nichts anderes als die vielen kleinen Antworten entlang des Weges zu „Wie finde ich mich selbst?“. Und so kam es auch zu diesem Samstag Nachmittag. Irgendwo entlang des Weges mit einem frisch verpackten Toilettensitz in der Hand, erinnerte ich mich daran, dass nichts falsch daran ist, in Freude und Leid gleichermaßen nach Klarheit zu suchen. Dass es nicht peinlich ist, seine Erfahrungen zu teilen, Schmerzen zuzugeben oder Glück offen anzusprechen. Dass es nicht vorbei ist, mit dem Schreiben und Lernen. Dass das Leben alles kann. Und – dass der Sticker bleiben darf.

Photo by John Baker on Unsplash

 

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