Frau Müller lebt in der Wohnung nebenan. Bei unserer ersten Begegnung, in dem mit Katzenbilder und Keramikväschen dekorierten Stiegenhaus, offenbarte sie mir in einem einzigen Atemzug, dass ihr Name Hildi sei und sie ausschließlich mit Kopfhörern fernsähe, um auch ja keinen Mehrwert in der Geräuschkulisse zu erzeugen. Hildi war mir sympathisch, wenngleich sie mir auch etwas leid tat, denn – sie lebte leise. Nie drang von ihr auch nur ein Dezibel Lärm durch die viel zu schiefen Mauern unserer beider vier Wände. Nicht einmal dann, als ich – Wohnzimmer an Wohnzimmer – acht tiefe Löcher in die besagte Wand bohrte von denen sich am Ende nur zwei als brauchbar erwiesen. Niemals klingelte es an meiner Tür oder klopfte es an der Wand. Auch nicht, als ich mit Freunden Feste feierte und wir Musik spielten oder um 03.00 Uhr morgens lautstark in der Küche Pasta kochten, weil Pasta nunmal das einzige ist, was ich nach zwei Flaschen Wein noch kochen kann. Zugegeben – wir waren keine ohrenbetäubend lauten Radaumacher, die es verdient gehabt hätten, von der Polizei zurechtgewiesen zu werden. Dennoch war ich rücksichtslos und hätte das ein oder andere mal erwartet, Hildi auf meiner Fußmatte wütend stampfen zu sehen.

Doch nichts passierte. Hildi blieb stumm und so tat es ihr Fernseher. Desto mehr ich mich auf das Nichts dieser Stille konzentrierte, desto mehr dämmerte mir wieso ich sie in einer mir anfangs nicht erklärlichen Weise bemitleidete. Sie erinnerte mich an etwas, das mir schon oft begegnet war. Zurückhaltung, Kontrolle, Vernunft – die frohen Boten eines stillen Daseins.

Bitte benehmen

“Leise leben” ist die beste Voraussetzung um eines Tages laut zu sterben. Laut, weil man schreien möchte und bereut, dass man die vernünftigen Dinge zwar getan, aber den Anweisungen des Herzens viel zu selten gefolgt ist. Man gewiss versuchte seine Eltern stolz zu machen und die Freundin zu beeindrucken, aber niemals spürte wie die Lebendigkeit in ihrer reinsten Form – ureigener Authentizität– in jeder Zelle des Körpers explodierte. Leise leben wird einem beigebracht. Wir sollen nicht weinen; nicht leiden; nicht übertreiben; nicht dramatisieren; nicht hyperventilieren; nicht aufbauschen; nicht schreien; nicht ausflippen; nicht ärgern; nicht toben; nicht heulen vor Glück; nicht nachtrauern; nicht spüren, wie das Herz zerreißt; nicht kreischen; nicht mal laut niesen oder sich die Nase putzen. Ist man leise, gilt man als kultiviert, darf eine Krawatte tragen, mit anderen in einem Großraumbüro sitzen und mit scheinbar wichtigen Menschen sprechen, die aber in Wahrheit nur daran interessiert sind, über sich selbst zu reden (natürlich nicht zu laut, man möchte ja keine Aufmerksamkeit erregen).

Trau dich, anderen unangenehm zu sein

Ein lautes Leben hat nichts mit der Total-Überreizung unserer Stimmlippen zu tun. Vielmehr ist es eine Bekenntnis auch jene Formen menschlichen Seins zu schätzen, die von anderen vielleicht als störend, schrill und unangenehm empfunden werden. Es bedeutet mutig zu sein und zu riskieren, vom Rest der Welt mal nicht als “der noble Herr” oder “die coole Freundin” betitelt zu werden. Flippen wir also aus, weinen wir vor Freude und kotzen den angestauten Herzschmerz aus unseren Leibern! Die Ebbe wird die Flut schon bald wieder ablösen und den Ozean beruhigen.

Manchmal sitze auch ich im Stillen da und lese. Ich genieße das Rascheln des vergilbten Papiers zwischen meinen Fingern; meine Atemzüge, die immer tiefer werden und die Geschichten, die sich nur dann vor meinem geistigen Auge entfalten können, wenn ich den geschriebenen Worten meine ganze Aufmerksamkeit schenke. Zuletzt – es war ein verregneter Donnerstag Abend – tat ich genau das, als plötzlich ein lautes Wummern meinen meditativen Zustand durchbrach. Überrascht legte ich mein Buch zur Seite und mein Ohr an die noch immer schiefe Wand, die Hildi’s Wohnzimmer von meinem trennte. Und tatsächlich. Da hörte ich sie – die Stimme Pater Illic’– wie sie durch die Boxen tönte und von der schwarzen Madonna sang, für die es niemals zu spät sein würde, ihr Glück zu finden. Ich ertappte mich bei einem Lächeln, das sich kurz darauf in einen hysterischen, lauten Lachanfall verwandelte. Hildi hatte sich befreit. Und ich feierte sie so laut ich nur konnte.