Alle Artikel mit dem Schlagwort: Stress

Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.

Eismauer

Perfektionismus Teil 1: Die eisige Mauer

In meinem letzten Schuljahr drehte unsere Klasse ein Video, um die Maturanten in spe bei der bevorstehenden Abschlussfeier kurz vorzustellen. Da einen aber bloß die Eltern der Freunde kannten (bei denen man jedes zweite Wochenende Spaghetti aß, und deren Wodka man die letzten fünf Jahre heimlich getrunken hatte), beschlossen wir jeden Schüler mit Foto, Namen und 3 kurzen Charaktereigenschaften visuell abzubilden. Um das ganze ein bisschen aufzulockern, wollten wir die Eigenschaften nicht selbst auszusuchen, sondern die Klasse anonym abstimmen zu lassen. Jeder von uns bekam am Ende des Tages einen Stapel mit 30 kleinen Zettelchen und durfte daraus die besten Vorschläge auswählen. Als die Papierhäufchen letztendlich verteilt wurden, konnte man die Aufregung fast durch das Klassenzimmer wirbeln sehen. „Tollpatschig“ stand auf meinem ersten Zettel. Ich musste schmunzeln. Dann entdeckte ich die unverkennbaren Handschriften meiner Freunde mit herzallerliebsten Komplimenten. Darauf folgten – eher nüchtern – „ehrgeizig“, „nett“, „gut in der Schule“, „höflich“. Und dann kam er. Der Zettel, den ich nie vergessen sollte. In kleinen, krakeligen Lettern standen da drei Worte: „geht über Leichen“.

Das Auto als Repräsentant des inneren Kontrollzwangs

Ich leide zum Glück nicht unter Flugangst. Wenn ich einen Flughafen betrete, checke ich meinen Kontrollzwang zusammen mit meinem Gepäckstück beim Schalter ein und übergebe den übrig gebliebenen gedanklichen Rest beim Einsteigen dem lächelnden, meist gut gelaunten Personal der Fluggesellschaft. Nachdem ich meinen Sitzplatz gefunden habe, mache ich es mir gemütlich. Musik an, Schuhe aus, Snacks raus. Zugegeben – ein volles Flugzeug und ein enger Platz in der Economy Class sind nicht gerade die angenehmsten Umstände, um einen 9-Stunden-Flug entspannt zu überstehen, doch sie lösen in mir bei weitem nicht so viel Stress aus wie Autofahren.

Grenzen und Wettbewerbe: Was uns wirklich voneinander trennt

Ich habe in meinem Leben erst vier Kontinente bereist. Vor 20, 30 Jahren wäre diese Statistik bewundert worden – vier von sieben – das wäre ein wahrhaft beeindruckender Schnitt gewesen. Heute sieht die Welt jedoch etwas anders aus. Obwohl diese sieben Kontinente noch immer bestehen, hat sich die Bezwingbarkeit der Ferne um die eigene Achse gedreht. Heute fliegst du gleich morgen um 500 Euro nach Asien, von dort reist du optimalerweise mit dem Zug weiter, entweder in einer kleinen überschaubaren Gruppe von Freunden oder am besten (und modernsten) nur mit dir selbst und deinem Rucksack. Im nächsten Jahr gehts dann nach Südamerika – diesmal gleich 2 Monate um auch wirklich alles zu sehen, was du dir vorgenommen hast. Ein zweites Mal hast du immerhin keine Zeit für Brasilien, da ist dann ein anderes Land an der Reihe. Es gibt einfach so viel zu entdecken und wir alle, die wir in dieser Welt leben, sehen uns als Entdecker, als Abenteurer, die den Planeten in seiner Gänze erleben wollen. Fotos reichen schon längst nicht mehr aus um die Schönheit und Wirkung eines Ortes zu erfassen. Ich kenne auch niemanden der mit 25 Jahren noch an Jetlag leidet. Dieser Erschöpfungszustand ist, so kommt es mir vor, durch regelmäßige Übung unter Generation Y komplett ausgestorben. Reisen erweitert unseren Horizont und liefert uns nicht nur neue Denkansätze sondern vor allem Dünger zum eigenen geistigen Wachstum. Doch – muss ich dieses wettbewerbsähnliche Kontinent-Hopping tatsächlich mitmachen um als “weltoffen” zu gelten?

Kopf versus Suchmaschine: Das Einmaleins der Informationen

In der Schule habe ich – wie jedes Kind, das Glück hat eine Ausbildung zu absolvieren – die Grundrechnungsarten gelernt. Sagen wir mal so – wirklich erfreut das Einmaleins zu pauken war ich definitiv nicht. Doch was mich fasziniert hat, war die Beständigkeit der Gleichungen. Vier mal Vier macht Sechzehn. Zweiundsiebzig durch Acht ergibt Neun. Also habe ich meine Sätzchen gelernt und gelernt, bis sie wie aus der Pistole geschossen kamen und ich sie ohne nachzudenken aufzählen konnte. Ein paar Jahre später studierte ich Zahlen auf einer völlig anderen Ebene. Die Rechnungen waren komplexer und die Ergebnisse verwirrender geworden. Plötzlich gab es Buchstaben und Hochzahlen, Wurzeln und Prozente und (nicht zu vergessen) ein kleines Arschloch namens Pi. Zu diesem Zeitpunkt war meine Begeisterung für die Lehre der Mathematik auf ein Minimum gesunken. Doch dann kam er – der Moment, da uns die Komplexität dieser Formeln erstmals erlaubte einen Taschenrechner zu verwenden. Von da an war Mathe ein leichtes Spiel. Klar, die Prozesse, die uns zum Ergebnis führten galt es nach wie vor zu erlernen, doch all die Dinge, die wir uns als Volksschulkinder mühsam erarbeitet hatten, waren für unseren Kopf nicht mehr relevant. Plötzlich gab es da etwas, das uns so viel Denkarbeit abnahm und ich konnte nicht glücklicher sein.