Alle Artikel mit dem Schlagwort: Kritik

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Perfektionismus Teil 3: Der (innere) Kritiker

„De Wöd is verseicht vor lauter Trottln“, höre ich eines Morgens, als ich über Kaffee und Zeitung am Küchentisch sitze, das Fenster gekippt, die Sonne im Gesicht und die Freude über die anfangs vielversprechende Ruhe schon schwindend im Herzen. Angelockt vom herannahenden Drama, blicke ich auf und unternehme den Versuch einer dezenten Beobachtung, indem ich auf Knopfdruck laut gähne, meine Arme über den Kopf hebe und so tue, als könnte ich dem Drang nicht widerstehen meinen Körper in alle Richtungen auszudehnen. Mit dieser neu gewonnen Größe riskiere ich einen Blick nach unten und kann sehen, wie sich der um 6 Uhr morgens Rasenmähende Hausmeister unseres Wohnkomplexes mit Händen und Füßen über die Hilfsarbeiter der Genossenschaft gebärdet. Daneben der kränkliche Nachbar von 2D – wie ich – mit einer Tasse Kaffee in der Hand, steht er mit hochgezogenen Schultern neben seinem Gesprächspartner und schenkt diesem zur Ermunterung das ein oder andere anerkennende Nicken. Als die Schimpftirade langsam verebbt und der Monolog wieder zum Dialog wird, traut auch er sich endlich etwas zu sagen. „Owa Peppi, ans muas i da jetzan scho sogn. Du bist scho imma sehr kritisch mit die Leit‘.“ In dem Moment kratzt mir der Kaffeesud im Hals und ich beginne laut zu prusten. Peppi, der Hausmeister starrt mir mit großen Augen entgegen und ich falle hustend und vor lauter Schreck über den Stuhl, auf dem ich gerade noch gesessen bin.

Hand mit Blume

Ich habe den Spaß am “Gut sein” verloren

Es ist schwierig geworden, für eine Sache einzustehen (und damit auch ernstgenommen zu werden) ohne sich dabei auf ein Extrem einzulassen. Will man über Nachhaltigkeit schreiben, sollte man zumindest auf Plastik verzichten und sich vegan ernähren. Tut man das nicht, hagelt es scharfe Kritik und man fragt sich, warum man überhaupt etwas ändern sollte, wenn man nicht bereit ist, den ganzen Preis dafür zu zahlen.

Weg mit Grenze (C) Remi Muller

Moralapostel – Alle Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt Veganismus und brutale Fleischesser, die das Blut grausam geschlachteter Tiere nicht nur zwischen ihren Zähnen, sondern auch an ihren Füßen kleben haben. Es gibt Grün und Blau. Die, die 50, 60 Stunden die Woche im Büro sitzen und jene, die faul sind weil sie mit 30 noch immer studieren und sich von ihren Eltern finanzieren lassen. Die, die alles richtig, und jene, die aus ihrer eigenen Sicht nichts falsch machen. Nichtraucher, die mal Raucher waren und nun über all jene schimpfen, die noch immer bereit sind für eine Packung Zigaretten über 5 Euro zu bezahlen. Es gibt Pro und es gibt Kontra. Und da wo einst Farben waren ist nun nichts mehr. Da wo einst Farben waren, liegt eine stark kontrastierte Linie oder vielmehr eine Grenze, die über “ja” oder “nein” entscheidet. Die meisten von uns leben entlang eben jener Linie in einem Grenzgebiet, das gestattet die Markscheide zwar jederzeit zu überqueren, doch es uns nicht immer leicht macht dorthin auch wieder zurückzukehren. Und obwohl die Entscheidung wohin wir gehen selbst oft schon eine lange kräftezehrende Reise bedeutet, ist der Pfad …

Was ich beim Frauenarzt über Wertvorstellungen gelernt habe

Der Routine-Besuch beim Frauenarzt ist ein persönliches Thema. Nach obligatorischen zehn Minuten im Wartezimmer werde ich in den Untersuchungsraum gerufen und freundlich begrüßt. Nur ein paar Augenblicke später sitze ich auf dem berühmten Sessel, die betreffenden Stellen vollständig entblößt und lasse mich von jemandem begutachten, den ich nicht öfter als ein- bis zweimal pro Jahr treffe. Ich bin ganz ehrlich – Es gibt definitiv Schöneres, aber  wirklich unangenehm ist es mir nicht. Ich fühle mich weder in meiner Intimsphäre verletzt noch beschämt. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, ohne Telefon-Geklingel, Kinder-Geschrei oder Erwachsenen-Gemurmel. Ich denke auch nicht im Traum daran, dass mein Gegenüber mich in irgendeiner Weise beurteilen könnte und wenn doch, dann auf rein medizinischer Ebene.