Alle Artikel mit dem Schlagwort: Kontrolle

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Perfektionismus Teil 3: Der (innere) Kritiker

„De Wöd is verseicht vor lauter Trottln“, höre ich eines Morgens, als ich über Kaffee und Zeitung am Küchentisch sitze, das Fenster gekippt, die Sonne im Gesicht und die Freude über die anfangs vielversprechende Ruhe schon schwindend im Herzen. Angelockt vom herannahenden Drama, blicke ich auf und unternehme den Versuch einer dezenten Beobachtung, indem ich auf Knopfdruck laut gähne, meine Arme über den Kopf hebe und so tue, als könnte ich dem Drang nicht widerstehen meinen Körper in alle Richtungen auszudehnen. Mit dieser neu gewonnen Größe riskiere ich einen Blick nach unten und kann sehen, wie sich der um 6 Uhr morgens Rasenmähende Hausmeister unseres Wohnkomplexes mit Händen und Füßen über die Hilfsarbeiter der Genossenschaft gebärdet. Daneben der kränkliche Nachbar von 2D – wie ich – mit einer Tasse Kaffee in der Hand, steht er mit hochgezogenen Schultern neben seinem Gesprächspartner und schenkt diesem zur Ermunterung das ein oder andere anerkennende Nicken. Als die Schimpftirade langsam verebbt und der Monolog wieder zum Dialog wird, traut auch er sich endlich etwas zu sagen. „Owa Peppi, ans muas i da jetzan scho sogn. Du bist scho imma sehr kritisch mit die Leit‘.“ In dem Moment kratzt mir der Kaffeesud im Hals und ich beginne laut zu prusten. Peppi, der Hausmeister starrt mir mit großen Augen entgegen und ich falle hustend und vor lauter Schreck über den Stuhl, auf dem ich gerade noch gesessen bin.

Eismauer

Perfektionismus Teil 1: Die eisige Mauer

In meinem letzten Schuljahr drehte unsere Klasse ein Video, um die Maturanten in spe bei der bevorstehenden Abschlussfeier kurz vorzustellen. Da einen aber bloß die Eltern der Freunde kannten (bei denen man jedes zweite Wochenende Spaghetti aß, und deren Wodka man die letzten fünf Jahre heimlich getrunken hatte), beschlossen wir jeden Schüler mit Foto, Namen und 3 kurzen Charaktereigenschaften visuell abzubilden. Um das ganze ein bisschen aufzulockern, wollten wir die Eigenschaften nicht selbst auszusuchen, sondern die Klasse anonym abstimmen zu lassen. Jeder von uns bekam am Ende des Tages einen Stapel mit 30 kleinen Zettelchen und durfte daraus die besten Vorschläge auswählen. Als die Papierhäufchen letztendlich verteilt wurden, konnte man die Aufregung fast durch das Klassenzimmer wirbeln sehen. „Tollpatschig“ stand auf meinem ersten Zettel. Ich musste schmunzeln. Dann entdeckte ich die unverkennbaren Handschriften meiner Freunde mit herzallerliebsten Komplimenten. Darauf folgten – eher nüchtern – „ehrgeizig“, „nett“, „gut in der Schule“, „höflich“. Und dann kam er. Der Zettel, den ich nie vergessen sollte. In kleinen, krakeligen Lettern standen da drei Worte: „geht über Leichen“.

Weg mit Grenze (C) Remi Muller

Moralapostel – Alle Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt Veganismus und brutale Fleischesser, die das Blut grausam geschlachteter Tiere nicht nur zwischen ihren Zähnen, sondern auch an ihren Füßen kleben haben. Es gibt Grün und Blau. Die, die 50, 60 Stunden die Woche im Büro sitzen und jene, die faul sind weil sie mit 30 noch immer studieren und sich von ihren Eltern finanzieren lassen. Die, die alles richtig, und jene, die aus ihrer eigenen Sicht nichts falsch machen. Nichtraucher, die mal Raucher waren und nun über all jene schimpfen, die noch immer bereit sind für eine Packung Zigaretten über 5 Euro zu bezahlen. Es gibt Pro und es gibt Kontra. Und da wo einst Farben waren ist nun nichts mehr. Da wo einst Farben waren, liegt eine stark kontrastierte Linie oder vielmehr eine Grenze, die über “ja” oder “nein” entscheidet. Die meisten von uns leben entlang eben jener Linie in einem Grenzgebiet, das gestattet die Markscheide zwar jederzeit zu überqueren, doch es uns nicht immer leicht macht dorthin auch wieder zurückzukehren. Und obwohl die Entscheidung wohin wir gehen selbst oft schon eine lange kräftezehrende Reise bedeutet, ist der Pfad …

Zugefrorener See (C) Nathan Anderson

Das Oberflächen- und Tiefenverhältnis einer Persönlichkeit

Die RMS Titanic, von Menschenhand gebaut, königlich und das damals größte Schiff der Welt verlor gegen einen Eisberg, der etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland auf sie wartete. Diese Geschichte inspirierte selbst Jahrzehnte später Filmemacher und Drehbuchautoren zur Aufarbeitung der damals größten Katastrophe der Seefahrt. Ich war zehn als ich “Titanic” das erste Mal durch den Türspalt auf dem Fernseher im Wohnzimmer mitverfolgte. Und obwohl ich mich weder daran erinnere, inwieweit ich dem Drama damals folgen konnte – so erinnere ich mich doch an meinen Ärger auf diesen verhängnisvollen Eisberg. Wie konnte die Natur es wagen ein Schiff zu zerstören, das nicht nur eine „Romeo und Julia“-reife Liebesgeschichte barg, sondern auch ein Versprechen des Fortschritts und der Schönheit? Obwohl die Crew 2 Stunden und 40 Minuten Zeit hatte, um die Passagiere zu evakuieren forderte die Misskalkulation der Rettungsbote seine Opfer und riss 1514 Menschen mit in den Tod. Anstatt die Sicherheit der Menschen durch die Erhöhung der Anzahl der Rettungsboote zu gewährleisten, entschied man sich damals aus optischen Gründen schlichtweg für eine breitere Schiffs-Promenade. Doch selbst diese konnte das Schiff nicht vor seinem Untergang bewahren.

Hirsch (C) Trevor Paterson

Sehen und gesehen werden: Der allgegenwärtige Blick und seine Rollenbesetzung

Seit meinem 15ten Lebensjahr sind High-Heels ein fester Bestandteil meiner “Club-Garderobe”. Mit meinem gefälschten Ausweis, einer kräftigen Portion Make Up und zehn Zentimetern mehr winkten mich die Türsteher unbeirrt durch die verbotenen Eingänge und ermöglichten mir Zugang zu durchtanzten Nächten und neuen Erfahrungen. Dass ich ein paar Jahre später meine Volljährigkeit erreicht hatte, hinderte mich nicht daran meiner “Uniform” treu zu bleiben und die Künstlichkeit meines Auftritts zu überdenken. Ich habe oft Stunden damit verbracht meine Haare zu stylen, mein Outfit auszuwählen und mich wie eine Maskenbildnerin zu schminken, nur um dann drei Stunden in einem mittlerweile langweiligen Club zu verbringen. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich alles reiner Blödsinn. Doch was wusste ich schon mit 16, 17 Jahren? Es gefiel mir, einen Raum zu betreten und die Blicke anderer auf mir zu spüren. Plötzlich war ich nicht mehr das pubertierende Mädchen vom Land, sondern eine begehrenswerte junge Frau. Die Tatsache, dass ich diese Anerkennung genoss, sagt einerseits viel über mein damaliges Selbstbewusstsein aus; Andererseits jedoch auch darüber, was ich mir von der Gesellschaft so abgeschaut habe – und damit meine ich nicht den perfekten Lidstrich oder einen kurzweiligen Fashion-Trend.

Das Auto als Repräsentant des inneren Kontrollzwangs

Ich leide zum Glück nicht unter Flugangst. Wenn ich einen Flughafen betrete, checke ich meinen Kontrollzwang zusammen mit meinem Gepäckstück beim Schalter ein und übergebe den übrig gebliebenen gedanklichen Rest beim Einsteigen dem lächelnden, meist gut gelaunten Personal der Fluggesellschaft. Nachdem ich meinen Sitzplatz gefunden habe, mache ich es mir gemütlich. Musik an, Schuhe aus, Snacks raus. Zugegeben – ein volles Flugzeug und ein enger Platz in der Economy Class sind nicht gerade die angenehmsten Umstände, um einen 9-Stunden-Flug entspannt zu überstehen, doch sie lösen in mir bei weitem nicht so viel Stress aus wie Autofahren.

Grenzen und Wettbewerbe: Was uns wirklich voneinander trennt

Ich habe in meinem Leben erst vier Kontinente bereist. Vor 20, 30 Jahren wäre diese Statistik bewundert worden – vier von sieben – das wäre ein wahrhaft beeindruckender Schnitt gewesen. Heute sieht die Welt jedoch etwas anders aus. Obwohl diese sieben Kontinente noch immer bestehen, hat sich die Bezwingbarkeit der Ferne um die eigene Achse gedreht. Heute fliegst du gleich morgen um 500 Euro nach Asien, von dort reist du optimalerweise mit dem Zug weiter, entweder in einer kleinen überschaubaren Gruppe von Freunden oder am besten (und modernsten) nur mit dir selbst und deinem Rucksack. Im nächsten Jahr gehts dann nach Südamerika – diesmal gleich 2 Monate um auch wirklich alles zu sehen, was du dir vorgenommen hast. Ein zweites Mal hast du immerhin keine Zeit für Brasilien, da ist dann ein anderes Land an der Reihe. Es gibt einfach so viel zu entdecken und wir alle, die wir in dieser Welt leben, sehen uns als Entdecker, als Abenteurer, die den Planeten in seiner Gänze erleben wollen. Fotos reichen schon längst nicht mehr aus um die Schönheit und Wirkung eines Ortes zu erfassen. Ich kenne auch niemanden der mit 25 Jahren noch an Jetlag leidet. Dieser Erschöpfungszustand ist, so kommt es mir vor, durch regelmäßige Übung unter Generation Y komplett ausgestorben. Reisen erweitert unseren Horizont und liefert uns nicht nur neue Denkansätze sondern vor allem Dünger zum eigenen geistigen Wachstum. Doch – muss ich dieses wettbewerbsähnliche Kontinent-Hopping tatsächlich mitmachen um als “weltoffen” zu gelten?

Kopf versus Suchmaschine: Das Einmaleins der Informationen

In der Schule habe ich – wie jedes Kind, das Glück hat eine Ausbildung zu absolvieren – die Grundrechnungsarten gelernt. Sagen wir mal so – wirklich erfreut das Einmaleins zu pauken war ich definitiv nicht. Doch was mich fasziniert hat, war die Beständigkeit der Gleichungen. Vier mal Vier macht Sechzehn. Zweiundsiebzig durch Acht ergibt Neun. Also habe ich meine Sätzchen gelernt und gelernt, bis sie wie aus der Pistole geschossen kamen und ich sie ohne nachzudenken aufzählen konnte. Ein paar Jahre später studierte ich Zahlen auf einer völlig anderen Ebene. Die Rechnungen waren komplexer und die Ergebnisse verwirrender geworden. Plötzlich gab es Buchstaben und Hochzahlen, Wurzeln und Prozente und (nicht zu vergessen) ein kleines Arschloch namens Pi. Zu diesem Zeitpunkt war meine Begeisterung für die Lehre der Mathematik auf ein Minimum gesunken. Doch dann kam er – der Moment, da uns die Komplexität dieser Formeln erstmals erlaubte einen Taschenrechner zu verwenden. Von da an war Mathe ein leichtes Spiel. Klar, die Prozesse, die uns zum Ergebnis führten galt es nach wie vor zu erlernen, doch all die Dinge, die wir uns als Volksschulkinder mühsam erarbeitet hatten, waren für unseren Kopf nicht mehr relevant. Plötzlich gab es da etwas, das uns so viel Denkarbeit abnahm und ich konnte nicht glücklicher sein.