Alle Artikel mit dem Schlagwort: Kolumne

Tisch mit Weingläsern

Glanz, Krampf und Gloria – Ein Hoch auf den Bread-and-Butter Job

Im Sommer 2011 scheuerte ich eingetrocknete Fäkalrückstände mit Gummihandschuhen, Klobürste und Brechreiz von den Toiletten einer Schule. Zusammen mit drei Freundinnen quälte ich mich morgens aus dem Bett und nachmittags in den Bikini um meine nach Essigreiniger duftenden Haare (glaubt mir, nach allem was man dort riecht, ist Essigreiniger wirklich ein Duft) ins Chlorwasser zu tauchen und mich im stechenden Sonnenschein trocken zu schlafen. Die Freuden eines Ferienjobs, bei dem man in Jogginghose erscheinen durfte und am Ende des Monates so viel Kohle bekam, wie jemand im 3. Berufsjahr “laut Kollektivvertrag”.

Zerbrochener Blumentopf auf Fensterbank

Ein Plädoyer für gebrochene Herzen und gescheiterte Träume

Auf meinem Schreibtisch steht heute Morgen ein Bouquet wunderschöner Tulpen. Sie stecken in einer Vase und leuchten von innen während das Sonnenlicht durch das Fenster fällt und der Geruch von Frühling in meine Nase steigt. Und das obwohl die Blumen im Grunde hirntot sind, bloß noch an lebenserhaltenden Maßnahmen hängen (Wasser) und jede Sekunde weiter vor meinen Augen verrotten. Valentinstag ist der Tag der Liebe, des öffentlichen zur Schaustellens, der Tag der 1.000 Rosen, der ekelhaftesten Pralinen, der kitschigsten Whatsapp-Videos und der unnatürlichsten Gesten des Jahres. Es ist der Tag an dem die Romantik aus ihrem ruinösen Zustand erwacht und wir entweder auf einer Zucker-Wolke schweben (Achtung Diabetes-Gefahr) oder: trinken. Dann verfluchen wir den Konsum und verheizen das letzte Foto unseres Ex-Freundes zusammen mit seiner schwarzen Seele in der Flamme einer Partylight Kerze, während wir lässig an unserem Bier, Wein oder Vodka nuckeln und die Sekunden zählen bis endlich ein neuer Tag anbricht.

Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.

Fische (C) Annie Spratt

Mehr Mut zum Durchschnitt

Wie oft verwende ich das Wort „normal“? So gut wie nie. Entweder etwas ist gut oder schlecht, hell oder dunkel. Ich bewege mich in einem Universum der Dinge, die außergewöhnlich sind oder merkwürdig, manchmal sogar beängstigend. Normalität hingegen ist der Standard einer Situation: ein gesunder Blutwert, ein BMI von 22 oder 15° C im Frühling. Etwas, das man voraussagen kann und das man bei dessen Eintritt als real akzeptiert. Normal ist nichts, was man erst verarbeiten muss oder etwas, das einen überraschen könnte. Mit Belanglosigkeiten beschäftigt man sich nur kurz, es sind oft primitive Notwendigkeiten wie auf die Toilette zu gehen, bevor man sich wieder in jene Welt begibt, in der alle versuchen hervorzustechen.

Weg mit Grenze (C) Remi Muller

Moralapostel – Alle Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt Veganismus und brutale Fleischesser, die das Blut grausam geschlachteter Tiere nicht nur zwischen ihren Zähnen, sondern auch an ihren Füßen kleben haben. Es gibt Grün und Blau. Die, die 50, 60 Stunden die Woche im Büro sitzen und jene, die faul sind weil sie mit 30 noch immer studieren und sich von ihren Eltern finanzieren lassen. Die, die alles richtig, und jene, die aus ihrer eigenen Sicht nichts falsch machen. Nichtraucher, die mal Raucher waren und nun über all jene schimpfen, die noch immer bereit sind für eine Packung Zigaretten über 5 Euro zu bezahlen. Es gibt Pro und es gibt Kontra. Und da wo einst Farben waren ist nun nichts mehr. Da wo einst Farben waren, liegt eine stark kontrastierte Linie oder vielmehr eine Grenze, die über “ja” oder “nein” entscheidet. Die meisten von uns leben entlang eben jener Linie in einem Grenzgebiet, das gestattet die Markscheide zwar jederzeit zu überqueren, doch es uns nicht immer leicht macht dorthin auch wieder zurückzukehren. Und obwohl die Entscheidung wohin wir gehen selbst oft schon eine lange kräftezehrende Reise bedeutet, ist der Pfad …

Freunde machen ein Lagerfeuer am Strand (C) Kimson Doan

Wenn lachen weh tut: Gefangen zwischen echtem Ernst und falschem Spaß

Für diejenigen, die sich für die Butterseite des Lebens entschieden haben, bedeutet der Sommer vor allem Freiheit. Frei sein von jeglichen schulischen Verpflichtungen, durch die Welt reisen, sich an verlassenen Stränden fotografieren lassen, lange schlafen und noch länger feiern. Der Ernst des Lebens wartet auf uns am Ende der Ferien in Form von verwirrenden Stundenplänen, vollen Kurslisten und frisch gespitzten Bleistiften. Das Gemüt orientiert sich am Wechsel der Jahreszeiten und wandert von heiter auf wolkig, oder vielmehr Gewitter/Regen-wolkig. Wenn man sich bereits oder von Haus aus entschieden hat dem Schul- oder Uni-Leben die kalte Schulter zu zeigen, beläuft sich das Ausmaß der Freiheit auf eine lächerliche Zeitspanne von 2 bis maximal 3 Wochen pro Sommer. Und obwohl bei Wiedereintritt in den alltäglichen Wahnsinn meist noch die Sonne scheint, ist es plötzlich Herbst, der in Form einer eisigen Brise die Gedanken in Schockstarre versetzt. Selbst wenn man seinen Job, sein Studium, sein Praktikum liebt – einen Tag ohne jegliche Verpflichtungen zu leben erfordert ausschließlich Spaß, während ein anderer – ein gewöhnlicher – von uns verlangt Kontrolle zu bewahren, pünktlich um 6.00 Uhr aus dem Bett zu springen und ein gewisses Maß Ernsthaftigkeit an den Tag zu legen. Klingt fast lustig, oder?

Zugefrorener See (C) Nathan Anderson

Das Oberflächen- und Tiefenverhältnis einer Persönlichkeit

Die RMS Titanic, von Menschenhand gebaut, königlich und das damals größte Schiff der Welt verlor gegen einen Eisberg, der etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland auf sie wartete. Diese Geschichte inspirierte selbst Jahrzehnte später Filmemacher und Drehbuchautoren zur Aufarbeitung der damals größten Katastrophe der Seefahrt. Ich war zehn als ich “Titanic” das erste Mal durch den Türspalt auf dem Fernseher im Wohnzimmer mitverfolgte. Und obwohl ich mich weder daran erinnere, inwieweit ich dem Drama damals folgen konnte – so erinnere ich mich doch an meinen Ärger auf diesen verhängnisvollen Eisberg. Wie konnte die Natur es wagen ein Schiff zu zerstören, das nicht nur eine „Romeo und Julia“-reife Liebesgeschichte barg, sondern auch ein Versprechen des Fortschritts und der Schönheit? Obwohl die Crew 2 Stunden und 40 Minuten Zeit hatte, um die Passagiere zu evakuieren forderte die Misskalkulation der Rettungsbote seine Opfer und riss 1514 Menschen mit in den Tod. Anstatt die Sicherheit der Menschen durch die Erhöhung der Anzahl der Rettungsboote zu gewährleisten, entschied man sich damals aus optischen Gründen schlichtweg für eine breitere Schiffs-Promenade. Doch selbst diese konnte das Schiff nicht vor seinem Untergang bewahren.

Hirsch (C) Trevor Paterson

Sehen und gesehen werden: Der allgegenwärtige Blick und seine Rollenbesetzung

Seit meinem 15ten Lebensjahr sind High-Heels ein fester Bestandteil meiner “Club-Garderobe”. Mit meinem gefälschten Ausweis, einer kräftigen Portion Make Up und zehn Zentimetern mehr winkten mich die Türsteher unbeirrt durch die verbotenen Eingänge und ermöglichten mir Zugang zu durchtanzten Nächten und neuen Erfahrungen. Dass ich ein paar Jahre später meine Volljährigkeit erreicht hatte, hinderte mich nicht daran meiner “Uniform” treu zu bleiben und die Künstlichkeit meines Auftritts zu überdenken. Ich habe oft Stunden damit verbracht meine Haare zu stylen, mein Outfit auszuwählen und mich wie eine Maskenbildnerin zu schminken, nur um dann drei Stunden in einem mittlerweile langweiligen Club zu verbringen. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich alles reiner Blödsinn. Doch was wusste ich schon mit 16, 17 Jahren? Es gefiel mir, einen Raum zu betreten und die Blicke anderer auf mir zu spüren. Plötzlich war ich nicht mehr das pubertierende Mädchen vom Land, sondern eine begehrenswerte junge Frau. Die Tatsache, dass ich diese Anerkennung genoss, sagt einerseits viel über mein damaliges Selbstbewusstsein aus; Andererseits jedoch auch darüber, was ich mir von der Gesellschaft so abgeschaut habe – und damit meine ich nicht den perfekten Lidstrich oder einen kurzweiligen Fashion-Trend.

Das Auto als Repräsentant des inneren Kontrollzwangs

Ich leide zum Glück nicht unter Flugangst. Wenn ich einen Flughafen betrete, checke ich meinen Kontrollzwang zusammen mit meinem Gepäckstück beim Schalter ein und übergebe den übrig gebliebenen gedanklichen Rest beim Einsteigen dem lächelnden, meist gut gelaunten Personal der Fluggesellschaft. Nachdem ich meinen Sitzplatz gefunden habe, mache ich es mir gemütlich. Musik an, Schuhe aus, Snacks raus. Zugegeben – ein volles Flugzeug und ein enger Platz in der Economy Class sind nicht gerade die angenehmsten Umstände, um einen 9-Stunden-Flug entspannt zu überstehen, doch sie lösen in mir bei weitem nicht so viel Stress aus wie Autofahren.

Grenzen und Wettbewerbe: Was uns wirklich voneinander trennt

Ich habe in meinem Leben erst vier Kontinente bereist. Vor 20, 30 Jahren wäre diese Statistik bewundert worden – vier von sieben – das wäre ein wahrhaft beeindruckender Schnitt gewesen. Heute sieht die Welt jedoch etwas anders aus. Obwohl diese sieben Kontinente noch immer bestehen, hat sich die Bezwingbarkeit der Ferne um die eigene Achse gedreht. Heute fliegst du gleich morgen um 500 Euro nach Asien, von dort reist du optimalerweise mit dem Zug weiter, entweder in einer kleinen überschaubaren Gruppe von Freunden oder am besten (und modernsten) nur mit dir selbst und deinem Rucksack. Im nächsten Jahr gehts dann nach Südamerika – diesmal gleich 2 Monate um auch wirklich alles zu sehen, was du dir vorgenommen hast. Ein zweites Mal hast du immerhin keine Zeit für Brasilien, da ist dann ein anderes Land an der Reihe. Es gibt einfach so viel zu entdecken und wir alle, die wir in dieser Welt leben, sehen uns als Entdecker, als Abenteurer, die den Planeten in seiner Gänze erleben wollen. Fotos reichen schon längst nicht mehr aus um die Schönheit und Wirkung eines Ortes zu erfassen. Ich kenne auch niemanden der mit 25 Jahren noch an Jetlag leidet. Dieser Erschöpfungszustand ist, so kommt es mir vor, durch regelmäßige Übung unter Generation Y komplett ausgestorben. Reisen erweitert unseren Horizont und liefert uns nicht nur neue Denkansätze sondern vor allem Dünger zum eigenen geistigen Wachstum. Doch – muss ich dieses wettbewerbsähnliche Kontinent-Hopping tatsächlich mitmachen um als “weltoffen” zu gelten?