Alle Artikel mit dem Schlagwort: Individualität

Projekt Polly Illustration Laura 28

Laura, 28: Konflikte bringen mich meinem Selbst näher als das unkomplizierteste Miteinander

Laura ist 28 Jahre alt und lebt in Bayern. In ihrer Freizeit taucht sie gern in Bücher ein und im Sportschwimmbecken ab. Über das und noch mehr schreibt sie übrigens auf ihrem eigenen Blog. Identität ist für mich das eigene Ich. Das Quantum Individualität, das mich von anderen 28-jährigen Mädels mit braunen Haaren unterscheidet – von Geruch über Aussehen, dem Verhalten, bis hin zur Zahnstellung.

Projekt Polly Illustration Anna 23

Anna, 23: Der Identität zu trotzen fühlt sich manchmal an wie geistige Prostitution

Identität hat für mich zwei Bedeutungen. Objektiv betrachtet ist es die Gesamtheit meiner offiziellen und bürokratischen Charakteristika, die mich als Individuum von anderen Menschen abgrenzt. In diesem Zusammenhang ist Identität etwas, das ich nicht eigenständig verändern kann, sondern behördlich ändern lassen muss (wie Name, Adresse, Beruf, Stichwort Zeugenschutz-Programm). Vielleicht ist Identität in diesem Kontext auch stark mit Demographie verbunden.

Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.

Fische (C) Annie Spratt

Mehr Mut zum Durchschnitt

Wie oft verwende ich das Wort „normal“? So gut wie nie. Entweder etwas ist gut oder schlecht, hell oder dunkel. Ich bewege mich in einem Universum der Dinge, die außergewöhnlich sind oder merkwürdig, manchmal sogar beängstigend. Normalität hingegen ist der Standard einer Situation: ein gesunder Blutwert, ein BMI von 22 oder 15° C im Frühling. Etwas, das man voraussagen kann und das man bei dessen Eintritt als real akzeptiert. Normal ist nichts, was man erst verarbeiten muss oder etwas, das einen überraschen könnte. Mit Belanglosigkeiten beschäftigt man sich nur kurz, es sind oft primitive Notwendigkeiten wie auf die Toilette zu gehen, bevor man sich wieder in jene Welt begibt, in der alle versuchen hervorzustechen.

Zugefrorener See (C) Nathan Anderson

Das Oberflächen- und Tiefenverhältnis einer Persönlichkeit

Die RMS Titanic, von Menschenhand gebaut, königlich und das damals größte Schiff der Welt verlor gegen einen Eisberg, der etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland auf sie wartete. Diese Geschichte inspirierte selbst Jahrzehnte später Filmemacher und Drehbuchautoren zur Aufarbeitung der damals größten Katastrophe der Seefahrt. Ich war zehn als ich “Titanic” das erste Mal durch den Türspalt auf dem Fernseher im Wohnzimmer mitverfolgte. Und obwohl ich mich weder daran erinnere, inwieweit ich dem Drama damals folgen konnte – so erinnere ich mich doch an meinen Ärger auf diesen verhängnisvollen Eisberg. Wie konnte die Natur es wagen ein Schiff zu zerstören, das nicht nur eine „Romeo und Julia“-reife Liebesgeschichte barg, sondern auch ein Versprechen des Fortschritts und der Schönheit? Obwohl die Crew 2 Stunden und 40 Minuten Zeit hatte, um die Passagiere zu evakuieren forderte die Misskalkulation der Rettungsbote seine Opfer und riss 1514 Menschen mit in den Tod. Anstatt die Sicherheit der Menschen durch die Erhöhung der Anzahl der Rettungsboote zu gewährleisten, entschied man sich damals aus optischen Gründen schlichtweg für eine breitere Schiffs-Promenade. Doch selbst diese konnte das Schiff nicht vor seinem Untergang bewahren.

Hirsch (C) Trevor Paterson

Sehen und gesehen werden: Der allgegenwärtige Blick und seine Rollenbesetzung

Seit meinem 15ten Lebensjahr sind High-Heels ein fester Bestandteil meiner “Club-Garderobe”. Mit meinem gefälschten Ausweis, einer kräftigen Portion Make Up und zehn Zentimetern mehr winkten mich die Türsteher unbeirrt durch die verbotenen Eingänge und ermöglichten mir Zugang zu durchtanzten Nächten und neuen Erfahrungen. Dass ich ein paar Jahre später meine Volljährigkeit erreicht hatte, hinderte mich nicht daran meiner “Uniform” treu zu bleiben und die Künstlichkeit meines Auftritts zu überdenken. Ich habe oft Stunden damit verbracht meine Haare zu stylen, mein Outfit auszuwählen und mich wie eine Maskenbildnerin zu schminken, nur um dann drei Stunden in einem mittlerweile langweiligen Club zu verbringen. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich alles reiner Blödsinn. Doch was wusste ich schon mit 16, 17 Jahren? Es gefiel mir, einen Raum zu betreten und die Blicke anderer auf mir zu spüren. Plötzlich war ich nicht mehr das pubertierende Mädchen vom Land, sondern eine begehrenswerte junge Frau. Die Tatsache, dass ich diese Anerkennung genoss, sagt einerseits viel über mein damaliges Selbstbewusstsein aus; Andererseits jedoch auch darüber, was ich mir von der Gesellschaft so abgeschaut habe – und damit meine ich nicht den perfekten Lidstrich oder einen kurzweiligen Fashion-Trend.

Grenzen und Wettbewerbe: Was uns wirklich voneinander trennt

Ich habe in meinem Leben erst vier Kontinente bereist. Vor 20, 30 Jahren wäre diese Statistik bewundert worden – vier von sieben – das wäre ein wahrhaft beeindruckender Schnitt gewesen. Heute sieht die Welt jedoch etwas anders aus. Obwohl diese sieben Kontinente noch immer bestehen, hat sich die Bezwingbarkeit der Ferne um die eigene Achse gedreht. Heute fliegst du gleich morgen um 500 Euro nach Asien, von dort reist du optimalerweise mit dem Zug weiter, entweder in einer kleinen überschaubaren Gruppe von Freunden oder am besten (und modernsten) nur mit dir selbst und deinem Rucksack. Im nächsten Jahr gehts dann nach Südamerika – diesmal gleich 2 Monate um auch wirklich alles zu sehen, was du dir vorgenommen hast. Ein zweites Mal hast du immerhin keine Zeit für Brasilien, da ist dann ein anderes Land an der Reihe. Es gibt einfach so viel zu entdecken und wir alle, die wir in dieser Welt leben, sehen uns als Entdecker, als Abenteurer, die den Planeten in seiner Gänze erleben wollen. Fotos reichen schon längst nicht mehr aus um die Schönheit und Wirkung eines Ortes zu erfassen. Ich kenne auch niemanden der mit 25 Jahren noch an Jetlag leidet. Dieser Erschöpfungszustand ist, so kommt es mir vor, durch regelmäßige Übung unter Generation Y komplett ausgestorben. Reisen erweitert unseren Horizont und liefert uns nicht nur neue Denkansätze sondern vor allem Dünger zum eigenen geistigen Wachstum. Doch – muss ich dieses wettbewerbsähnliche Kontinent-Hopping tatsächlich mitmachen um als “weltoffen” zu gelten?

Was ich beim Frauenarzt über Wertvorstellungen gelernt habe

Der Routine-Besuch beim Frauenarzt ist ein persönliches Thema. Nach obligatorischen zehn Minuten im Wartezimmer werde ich in den Untersuchungsraum gerufen und freundlich begrüßt. Nur ein paar Augenblicke später sitze ich auf dem berühmten Sessel, die betreffenden Stellen vollständig entblößt und lasse mich von jemandem begutachten, den ich nicht öfter als ein- bis zweimal pro Jahr treffe. Ich bin ganz ehrlich – Es gibt definitiv Schöneres, aber  wirklich unangenehm ist es mir nicht. Ich fühle mich weder in meiner Intimsphäre verletzt noch beschämt. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, ohne Telefon-Geklingel, Kinder-Geschrei oder Erwachsenen-Gemurmel. Ich denke auch nicht im Traum daran, dass mein Gegenüber mich in irgendeiner Weise beurteilen könnte und wenn doch, dann auf rein medizinischer Ebene.