Alle Artikel mit dem Schlagwort: Achtsamkeit

Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.

Hirsch (C) Trevor Paterson

Sehen und gesehen werden: Der allgegenwärtige Blick und seine Rollenbesetzung

Seit meinem 15ten Lebensjahr sind High-Heels ein fester Bestandteil meiner “Club-Garderobe”. Mit meinem gefälschten Ausweis, einer kräftigen Portion Make Up und zehn Zentimetern mehr winkten mich die Türsteher unbeirrt durch die verbotenen Eingänge und ermöglichten mir Zugang zu durchtanzten Nächten und neuen Erfahrungen. Dass ich ein paar Jahre später meine Volljährigkeit erreicht hatte, hinderte mich nicht daran meiner “Uniform” treu zu bleiben und die Künstlichkeit meines Auftritts zu überdenken. Ich habe oft Stunden damit verbracht meine Haare zu stylen, mein Outfit auszuwählen und mich wie eine Maskenbildnerin zu schminken, nur um dann drei Stunden in einem mittlerweile langweiligen Club zu verbringen. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich alles reiner Blödsinn. Doch was wusste ich schon mit 16, 17 Jahren? Es gefiel mir, einen Raum zu betreten und die Blicke anderer auf mir zu spüren. Plötzlich war ich nicht mehr das pubertierende Mädchen vom Land, sondern eine begehrenswerte junge Frau. Die Tatsache, dass ich diese Anerkennung genoss, sagt einerseits viel über mein damaliges Selbstbewusstsein aus; Andererseits jedoch auch darüber, was ich mir von der Gesellschaft so abgeschaut habe – und damit meine ich nicht den perfekten Lidstrich oder einen kurzweiligen Fashion-Trend.

Kopf versus Suchmaschine: Das Einmaleins der Informationen

In der Schule habe ich – wie jedes Kind, das Glück hat eine Ausbildung zu absolvieren – die Grundrechnungsarten gelernt. Sagen wir mal so – wirklich erfreut das Einmaleins zu pauken war ich definitiv nicht. Doch was mich fasziniert hat, war die Beständigkeit der Gleichungen. Vier mal Vier macht Sechzehn. Zweiundsiebzig durch Acht ergibt Neun. Also habe ich meine Sätzchen gelernt und gelernt, bis sie wie aus der Pistole geschossen kamen und ich sie ohne nachzudenken aufzählen konnte. Ein paar Jahre später studierte ich Zahlen auf einer völlig anderen Ebene. Die Rechnungen waren komplexer und die Ergebnisse verwirrender geworden. Plötzlich gab es Buchstaben und Hochzahlen, Wurzeln und Prozente und (nicht zu vergessen) ein kleines Arschloch namens Pi. Zu diesem Zeitpunkt war meine Begeisterung für die Lehre der Mathematik auf ein Minimum gesunken. Doch dann kam er – der Moment, da uns die Komplexität dieser Formeln erstmals erlaubte einen Taschenrechner zu verwenden. Von da an war Mathe ein leichtes Spiel. Klar, die Prozesse, die uns zum Ergebnis führten galt es nach wie vor zu erlernen, doch all die Dinge, die wir uns als Volksschulkinder mühsam erarbeitet hatten, waren für unseren Kopf nicht mehr relevant. Plötzlich gab es da etwas, das uns so viel Denkarbeit abnahm und ich konnte nicht glücklicher sein.

Raum mit weißen Wänden und Tür (C) Stephanie Rosicka

Mehr Geld, mehr Raum: Ich gebe dem Minimalismus eine Chance

Ich erinnere mich an ein ganz besonderes Spielwarengeschäft aus meiner Kindheit. Es war nicht besonders groß, doch die Wände des Raumes schienen bis nach oben in den vierten Stock zu ragen. Von den Regalen schimmerten Glitzersteine und Barbiepuppen, fröhliches Gedudel war zu hören und in der Action-Ecke warteten grimmige Lego-Piraten auf ihren Einsatz in einer wilden Badewanne. Es war aufregend in diesem winzigen Laden zu stehen, umzingelt von Dingen, die versprachen, Spaß zu machen. Und doch erinnere ich mich auch an spitze Schreie, lautstarkes Wehklagen, stimmliche Oktaven, die man nur als 5-jähriges Kind in die Atmosphäre entlassen kann. Kinder, die ihre Eltern anschrieen, gegen ihren Bauch boxten, Puppen von den Regalen rissen. Wenn ich solche Momente als Kind miterlebte, drückte ich mich verlegen an meine Mutter und wir verließen kommentarlos den Laden.