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Social Media – Der Versuch einer Gebrauchsanweisung

Hände mit Smartphone (C) Gilles Lambert

Trompe-l’œil – ein Begriff, den mein Schullehrer irgendwann während des zweiten Semesters Kunstgeschichte zwischen Kaffeepause und Mathestunde auf einer seiner zahlreichen Powerpoint-Folien mit anschaulichen Beispielen präsentierte. Trompe-l’œil, das täuschende Auge – eine Illusion in der Kunst. Ein Werk, das Dreidimensionalität vorgibt oder die Textur eines bestimmten Materials. Etwas, das man schlicht und einfach als Täuschung bezeichnen kann. Eine Täuschung, die schön ist und in ihrer Optik scheinbar vollkommen real. Damals eine Königsdisziplin unter Künstlern, ist die Technik heute weiterverbreiteter als je zuvor. Vor allem wenn es darum geht unsere Social Media Profile zu pimpen, greifen wir zu den fantastischsten Mitteln. Photoshop, Lightroom, ein Stempel dort, ein Filter da – und schon sieht man aus wie ein Model in der Lifestyle-Rubrik einer Frauenzeitschrift. Ganz zu schweigen von den geplanten Inszenierungen: Posing, Blumensträuße, Hunde mit schicken Leinen und Menschen in Winteroutfits, die ich nicht mal im Frühling tragen würde, weil mir schon beim Anblick der Lymphknoten anschwillt.

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Plattformen wie Instagram nicht die Realität abbilden. Dennoch fällt es vielen von uns schwer mit dem, was wir sehen, umzugehen. Mit diesen #happymoments und #instadailys (von #cleaneating und #bodygoals will ich gar nicht erst anfangen) befördern wir unsere gute Laune meist tief in den Keller. Wenn dann auch noch Gefühle wie Eifersucht, Wut und Selbstzweifel ins Spiel kommen, haben wir – Gratulation! – einen emotionalen Tiefpunkt erreicht.

An dieser Stelle empfiehlt es sich, gewisse Regeln zu etablieren, um den persönlichen Umgang mit Social Media etwas zu entspannen. In den vergangen Jahren habe ich mich immer wieder mit diesem Thema auseinandergesetzt und versuche mich an folgende Grundsätze zu halten:

1. Eine Stunde vor/nach dem Bett abstinent bleiben

Nein, auch nicht beim Zähneputzen oder nur “ganz kurz” vorm Schlafen gehen. Abends fällt mir die Abstinenz erstaunlicherweise um einiges leichter als am Morgen. Wenn ich aufstehe, habe ich meist gute oder neutrale Laune. Ich gebe mir eine Stunde Zeit um dieses Gefühl zu festigen, bevor ich einen Blick riskiere.

2. Regelmäßige Reality-Checks

Alle Social Media Plattformen dienen der Selbstdarstellung. Wir vergessen oft, dass die beschissenen Momente unsers Lebens niemals ihren Weg online finden. Doch auch an dieser Stelle steht das, was wir wissen, im Gegensatz zu dem, was wir fühlen. Regelmäßige Reality-Checks können dabei helfen, diese negativen Gefühle zu minimieren. Am besten nimmt man dazu sein eigenes Profil oder das der/des besten Freundin/Freundes her und scrollt mal bewusst durch die Postings. Dann denkt man an die vergangen Monate. Wie sieht Anne wirklich nach dem Aufstehen aus? Wann hat Leo zum letzten Mal wegen seiner Ex gejammert? Wann waren wir zuletzt bei McDonalds, nachdem wir unsere grünen Smoothies gesnappt haben? Wie lange waren meine Achselhaare bevor ich sie mir für dieses Foto rasiert habe? Diese Methode kann man selbstverständlich nur auf Personen anwenden, die man gut kennt. Trotzdem sollte es veranschaulichen wie viel von unserem Leben offline stattfindet. Alltag, Herzschmerz, Toilettengänge, Krankheit. Und diese Dinge, wiederum, machen mehr als 90 % unseres Lebens aus. #pooping4ever

3. Den Posing- und Foto-Aufwand minimieren

Braucht es wirklich 30 Fotos und 10 verschiedene Posen bis man mit einem Foto das ausdrückt, was man möchte? Ja! Weil wir Amateure sind. Wir tun alles dafür, um uns unsere Unprofessionalität nicht anmerken zu lassen: Posing, Accessoires, Hintergründe und Licht. Schade eigentlich wenn man bedenkt, dass das Wort “Amateur” eigentlich “Liebhaber” bedeutet. Ein gutes Foto muss nicht immer “schön” sein und entsteht oft situationsbedingt. Zum Beispiel wenn eine Hausmauer in der Sonne einen Schatten wirft, oder man einfach dank des Perioden-Zyklus die schönste Haut des Monats hat. Das Minimieren des Aufwandes bedeutet mehr Zeit für Wichtigeres und eine oftmals intensivere Verbindung mit sich selbst und den Leuten, die einem folgen.

4. Entfolgen!

Es gibt Menschen, die uns mit ihren Bildern zwar beeindrucken, uns jedoch stets das Gefühl von Minderwertigkeit vermitteln. Diese Minderwertigkeit ist ganz individuell zu betrachten und tritt bei dem einen an einer ganz anderen Stelle auf als beim anderen. Diese Personen gilt es zu entfolgen – auch wenn die/derjenige ein/e Bekannte/r ist.

5. Eine andere Beschäftigung suchen

Im Ernst – ich ertappe mich oft dabei aus Langeweile auf irgendwelchen Apps herumzutippen und lande dann irgendwann immer auf einem Social Media Profil. Entweder im Zug oder auf der Couch, sogar auf dem Klo #iamjusttryingtobehonesthere. Snapchat & Co. haben sich nicht nur zu einer neuen Berufsbranche zusammengeschlossen, das soziale Konglomerat ist zu einer richtigen Freizeitbeschäftigung geworden. Und dann fragt man sich irgendwann warum 3 Jahre um sind und man noch immer nicht gelernt hat, Klavier zu spielen. Etwas Neues lernen, sich bewegen oder einfach mal dieses eine Buch aufschlagen, das man schon seit einer gefühlten Ewigkeit lesen möchte – all diese Beschäftigungen liefern einen großen persönlichen Mehrwert. Wenn man es dann auch noch schafft dem Bedürfnis zu widerstehen das Ergebnis auf Instagram zu posten, ist man der absolute Champ.

Meine Social Media Gewohnheiten sind noch nicht perfekt. Ich verfalle ebenso in alte Muster und brauche dann oft den ein oder anderen Tag, um wieder meine eigenen Ratschläge zu beherzigen. Vor allem wenn man diese Tools für seine berufliche Reichweite nutzt, ist es oft schwierig einen gesunden “Cut” zu machen. Klappt es dann jedoch gut mit dem emotionalen Abstand, fühlt sich die Realität ohne Illusion fast noch besser an als jeder noch so tolle Instagram-Hashtag.

Photo by Gilles Lambert on Unsplash

 

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