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Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Jeden Morgen entzünde ich eine Kerze und ein getrocknetes Bündel Salbei. Ich öffne die Vorhänge, setze mich auf ein Kissen, stelle meinen Timer und schließe die Augen. Ich atme ein und aus, halte die Atemleere, halte die Atemfülle und werde still.

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.

Religion war stets ein Bestandteil unseres irdischen Seins und wird vor allem in den letzten Jahren unter dem Pseudonym Spiritualität gelebt. Nicht nur, dass heute jeder weiß was Meditation ist, nein, wir kombinieren jene Traditionen, die uns begeistern, mit jenen Ritualen, die wir auch täglich integrieren können. Wir räuchern unsere Wohnung, schmücken unseren Christbaum, sprechen mit dem Universum und behandeln unsere Mitmenschen (hoffentlich) so, wie wir selbst gerne behandelt werden würden. (Weil: Karma is a bitch!)

Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand vor 5, 6, 7 Jahren als spirituell bezeichnet hätte. Was ich jedoch noch genau weiß sind die detailreichen Versuche das Individuum noch einzigartiger zu machen. Den Fingerabdruck über den Menschen zu stülpen, ihn strahlen zu lassen in seinem ganz individuellen Lebensweg, personalisierten Sneakern, ausführlichen Profilen und hippen (retro) Vorlieben. Doch obwohl man den Einzelnen aus der Masse so unbedingt hervorheben wollte, entstand bald eine Art Gegen-Trend, der darauf zielte das Individuum in die Verbindung mit dem Kreislauf, der Welt, zurückzuführen. Die Yogastudios boomten, Kristalle wurden gekauft, Küchenkräuter geräuchert, Dankbarkeits-Bücher vollgeschrieben, Tarot-Karten gelegt und Horoskope zu Rate gezogen. Auf der Suche nach sich selbst, dem (Über)Natürlichen und Antworten – aber ich denke, was viel wichtiger ist – auf der Suche nach Halt.

Der Mensch ist dazu gemacht, in sozialen Gruppen zu leben. Primär ist er Teil einer Familie, eines Freundeskreises. Das krampfhafte Etablieren der Individualisierung hat jedoch so viel Zeit in Anspruch genommen, dass wir eben jene sozialen Verbindungen immer mehr vernachlässigten und uns damit zufrieden gaben, die Kontrolle über unsere Einzigartigkeit zu wahren. Und genau das ist der Punkt, an dem man beginnt sich verloren zu fühlen. Der innere Kontrollzwang ist nichts weiter als ein Ersatz für die Kontrolle der äußeren Welt. Einer Welt, die sich verändert und dreht, in einem Tempo, das die wenigsten von uns wirklich greifen können. Druck, Angst und Zweifel bauen sich auf. Die Möglichkeiten wachsen exponentiell und auch wenn man sich freut über alles was die Wirtschaft und die Welt einem zu bieten hat, fördert es doch nicht gerade das allumfassende Glück oder die innere Ausgeglichenheit aus diesem lächerlich großen Angebot die passendsten Teile aussuchen zu müssen.

Ich musste mir bald eingestehen, dass mir dieser enorme Individualitäts-Zirkus eine Nummer zu groß geworden war. Ich sehnte mich danach, wieder klein zu sein und mich mit dem Leben an sich verbunden zu fühlen. Und ich meine jetzt nicht im Sinne der Unterdrückung oder De-Individualisierung. Die krampfhafte Kontrolle wird abgelöst durch ein Vertrauen in etwas Größeres oder Weiseres als uns selbst. Der Zufall wird plötzlich wieder mit Sinn behaftet und löst den Druck, dass wir bei jedem Schritt die richtige Entscheidung treffen müssen. Die Rituale, über die wir vorher noch lachten, bieten uns Sicherheit und Zeit zum Reflektieren, auch wenn das bedeutet, dass wir jeden Abend vor dem zu Bett gehen in ein kitschiges kleines Büchlein drei Dinge schreiben, für die wir dankbar sind.

Vielleicht ist die Religion 2.0 bloß ein anderes Wort für Selbstwert. Eine Erlaubnis uns selbst zu akzeptieren, unsere Fehler anzunehmen und Frieden mit der Gegenwart zu schließen. Vielleicht ist es nicht die große Antwort auf unsere Fragen, vielleicht ist es nicht einmal echt und der ganze Hokuspokus schlägt ein in unsere Psyche wie ein guter alter Placebo-Effekt. Möglicherweise ist es bloß unser eigener Kopf, unsere eigene Sprache, die wir anzapfen mit Rauch und Nebel und Zimt und Symbolen. Vielleicht sind wir alle bloß Menschen, fasziniert von Geschichten und der Schönheit, die in ihnen liegt. Vielleicht aber sind wir alle selbst unser Universum, eingebettet in einem noch größeren Ganzen voll Synergien und Wegen und Wundern.

Ich weiß nicht warum ich mich besser fühle, wenn der Salbei vor mir zu brennen beginnt und der Geruch von Angekohltem in meine Nase steigt. Ich verliere mich in den 15 Minuten und spüre wie es in mir zu arbeiten beginnt, kurz bevor alles in sich zusammenfällt und mein Geist wallend und fallend zur Ruhe kommt. Es fällt mir leicht mich verbunden zu fühlen, wenn ich nachts von meinem Auto zur Eingangstüre spaziere, den Kopf in den Nacken lege, den Mund vor Staunen weit geöffnet, und die Sterne betrachte, die über mir wie ein Weltwunder „durch Zufall“ in der Nacht rumhängen. Wenn ich all das sehe, kann ich nicht anders als daran zu glauben, dass es etwas Größeres gibt. Ich atme durch, finde Halt, setze langsam einen Schritt vor den anderen, bis ich sie höre – meine innere Stimme.

 

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