Im Moment überschlagen sich meine Ideen wie eine Doppelreihe synchron angeordneter Purzelbäume. Ich spüre allmählich wie sich anfangs vage Gedanken zu einem Ganzen fügen und die unscharfen Umrisse nach und nach klarer werden. Doch mit dieser Deutlichkeit geht vor allem eins einher – mein verrückter Wunsch nach einem 30-Stunden-Tag. Zu dem Überschuss an Ideen gesellt sich auch noch meine Impulsivität, was wiederum dazu führt, dass ich die Welt am liebsten bei jedem neuen Geistesblitz niederreißen möchte. Mich so von diesen Impulsen treiben zu lassen ist jedoch mit Sicherheit der beste Weg um den Spaß an der Sache zu verlieren.

Heute haben wir das Gefühl, dass wir mit 30 schon alles erreicht haben müssen, wo Generationen vor uns ein ganzes Leben lang schufteten. In der Zeit von blühenden Jung-Autoren und Physik-Genies, jugendlichen Start-Up CEOs und kreativen Ausnahmetalenten, wirkt die eigene Realität vergleichsweise wie eine eingetrocknete Rosine und man kommt sofort ins Schwitzen wenn es darum geht, die eigene Idee auch “noch schnell” umzusetzen bevor man ein weiteres Jahr auf dem Buckel hat. Noch nicht umgesetzte Einfälle verwandeln sich in gebrochene Versprechen und anstatt sich von unseren Ideen inspirieren zu lassen, beschuldigen wir sie, uns von ihnen gejagt zu fühlen und keine innere Ruhe zu finden.

Sich Zeit zu lassen wird heute oft mit einem Eingeständnis von Schwäche gleichgesetzt. Es muss alles schnell gehen, man fühlt sich, als hätte man seine Wünsche am besten schon gestern verwirklicht, nicht zuletzt um nicht zusehen zu müssen, wie jemand anders plötzlich den gleichen innovativen Einfall hat. Gehetzt von einem kurzweiligen Trend zum nächsten, gilt man schon fast als “out” wenn man gedanklich bei einem Thema verweilt, das vielleicht vor 3 bis 8 Monaten aktuell war. Der Hintergrund für dieses “Gehetzt sein” ist in erster Linie ein stark ausgeprägtes Geltungsstreben. Das ist bei mir nicht anders. Anstatt das Wohl der Gemeinschaft an die erste Stelle zu setzen, thront das ICH über allen WIRS – der Familie, Freunde, Kollegen, Mitmenschen. Es ist die logische Schlussfolgerung sich selbst zu priorisieren, wenn es alle anderen auch tun.

Wenn der dringliche Wunsch danach “außergewöhnlich zu sein” der ursprüngliche Anreiz der eigenen Ideen ist, braucht man sich nicht wundern, dass sich der bloße Gedanke daran schon anfühlt, wie ein hartgezogener Peitschenschlag. Machen, um zu gelten ist der wohl erfolgreichste Weg, dem freudvollen, kreativen Schaffen den Gar aus zu machen. Denn das Wertesystem der ICH-AG suggeriert vor allem eins: schnelle Umsetzung = schneller Wert = schnelle Liebe.

Doch eine gute Idee verdient ein gutes Maß an Zeit. Nicht alle kurzweiligen Einfälle sind dazu da, um auch umgesetzt zu werden. Das selektive Auseinandersetzen mit unseren Zielen und Eingebungen bedeutet auch, dass man diesen unterschiedliche Prioritäten zuteilt und entspannter damit umgeht, wenn man mal nicht “alles unter einen Hut bringt”.

Gerade wenn man das Gefühl hat, die Ideen würden mit einem davon galoppieren, ist es sinnvoll innezuhalten und die Inspiration zu genießen, die da in einem sprießt. Anstatt das Pferd sofort zu satteln, lernt man es besser kennen und fragt sich, ob man auch wieder aufsteigt, wenn es einen in der nächsten Kurve abwirft. Idealerweise lässt man sich Zeit und hinterfragt die ICH-orientierte Motivation, bevor man langsam beginnt sie umzupolen. Wenn man nämlich in der gemeinschaftlichen Formation einer Herde reitet, fühlt man sich schnell mal, als würde man fliegen.

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