„De Wöd is verseicht vor lauter Trottln“, höre ich eines Morgens, als ich über Kaffee und Zeitung am Küchentisch sitze, das Fenster gekippt, die Sonne im Gesicht und die Freude über die anfangs vielversprechende Ruhe schon schwindend im Herzen. Angelockt vom herannahenden Drama, blicke ich auf und unternehme den Versuch einer dezenten Beobachtung, indem ich auf Knopfdruck laut gähne, meine Arme über den Kopf hebe und so tue, als könnte ich dem Drang nicht widerstehen meinen Körper in alle Richtungen auszudehnen. Mit dieser neu gewonnen Größe riskiere ich einen Blick nach unten und kann sehen, wie sich der um 6 Uhr morgens Rasenmähende Hausmeister unseres Wohnkomplexes mit Händen und Füßen über die Hilfsarbeiter der Genossenschaft gebärdet. Daneben der kränkliche Nachbar von 2D – wie ich – mit einer Tasse Kaffee in der Hand, steht er mit hochgezogenen Schultern neben seinem Gesprächspartner und schenkt diesem zur Ermunterung das ein oder andere anerkennende Nicken. Als die Schimpftirade langsam verebbt und der Monolog wieder zum Dialog wird, traut auch er sich endlich etwas zu sagen. „Owa Peppi, ans muas i da jetzan scho sogn. Du bist scho imma sehr kritisch mit die Leit‘.“ In dem Moment kratzt mir der Kaffeesud im Hals und ich beginne laut zu prusten. Peppi, der Hausmeister starrt mir mit großen Augen entgegen und ich falle hustend und vor lauter Schreck über den Stuhl, auf dem ich gerade noch gesessen bin. Der Kaffee rinnt über den hellen Laminat und ich merke erst auf allen Vieren, dass mein Würge-Reflex ein nicht fremdverschuldeter Lachimpuls war. Einen solchen Schmipf-Erguss als Kritik zu betiteln erscheint mir so lächerlich wie ein ruhiger Morgen in diesem gottverdammten Wohnbau. Mit einem Gefühl von Überlegenheit rolle ich mich zurück ins Stehen, wische den Kaffee vom Boden und gratuliere mir im Geiste für meine scharfsinniges Urteil. Ähm, Moment mal …

Die Kritik der reinen Vernunft?

Kritisches Denken wird heute weitgehend als Fähigkeit gewertet. Wer kritisch hinterfragt, hat einen anderen, wenngleich pessimistischen Blick auf die Dinge und gilt als besonders qualifiziert, sich etwas wunderbar Innovatives auszudenken. Tja, das ist nur bedingt richtig. Denn – die Quelle unserer Kritikfähigkeit ist ein Sammelsurium an subjektiven Erfahrungen und die haben in Zeiten von Elektrizität und Einhörnern (rette sich wer kann!) wirklich wenig mit Logik zu tun.

Die eigene kritische Stimme wird durch einen frühkindlichen Lernprozess begründet. Macht man etwas gut, wird man von den Autoritätspersonen mit Zuneigung belohnt. Verhält man sich in ihren Augen hingegen falsch, wird man getadelt und mit Liebesentzug bestraft. Dieser stetige Wechsel von Liebe und Ablehnung schärft nicht nur unseren Sinn für Gefahren – ich für meinen Teil bin dankbar, dass mir meine Mutter früh genug beigebracht hat, nicht mit dem Föhn in die Badewanne zu steigen – sondern definiert auch, was wir als „richtig“ und was als „falsch“ erachten.

War die äußere Kritik in Kindestagen noch ein sinnvolles Lernprogramm, verwandelt sie sich im Erwachsenenalter in eine innere Stimme und dient zunehmend als Schutzmechanismus. Wenn man sich selbst tadelt und das eigene Verhalten korrigiert, kann niemand uns mit Liebesentzug strafen. Eine logische Schlussfolgerung, die nur ein Perfektionist erfunden haben kann, oder?

Don’t do that! Oh, and btw you look like shit.

Die innere Stimme ist ein Kontrolleur des eigenen Wertesystems – sie ist scharfsinnig, offensichtlich logisch und vor allem äußerst unangenehm. Auch glückliche Nicht-Perfektionisten pflegen oft keinen sehr liebevollen Umgang mit sich selbst. Drohende Fehltritte vermeiden wir großräumig durch Befehle und Verbote und kuscheln uns anschließend zärtlich an unsere/n Partner/in, die/der dann bitte beteuern muss, wie sehr sie/er uns liebt. Eh klar, eigentlich, wenn man sich den ganzen Tag selbst herumkommandiert wie ein schlecht frisierter Diktator in Am…., äh, Asien.

Hinzu kommen noch die völlig außer Kontrolle geratenen Idealvorstellungen, die wie ein nicht auffindbarer Standort in Google Maps leuchtend hell auf unserem Radar blinken. Ständig versucht uns die innere Stimme den Weg zu leiten – „10 kg abnehmen um den Körper in einen Beachbody zu verwandeln“, „Bis morgens um 2 Uhr arbeiten, um dem Chef zu beweisen, wie toll man nicht ist“. Und als wäre es nicht schon schlimm genug, passiert zwangsläufig folgendes: Die eigenen Ideale werden zum kategorischen Imperativ. Legt man beispielsweise besonders viel Wert auf rasierte Gliedmaßen, echauffiert man sich schnell mal über vernachlässigte Stoppel-Beine, die die Handtuchnachbarin am Strand genüßlich und seufzend von sich streckt. Das gleiche gilt für Höflichkeiten, Gewicht, Job-Anstrengungen, Sport, Ernährung – ich habe mir sogar sagen lassen, es gäbe Leute, die unerschütterlich genaue Vorstellungen davon haben, wie ein Knie auszusehen hat.

Menschen, die ständig und ungefragt kritisieren (manch einer möge mir verzeihen!), messen ihrer eigenen Person gedanklich eine große Bedeutung bei. Die Kritik dient als Beweis für die scheinbare Erhabenheit oder – in Form unerreichter Ziele – für die selbstauferlegte Unterlegenheit. Der ständige Vergleich ist einerseits ein Bestätigen der eigenen Person (wenn jemand offensichtlich „schlechter“ ist als man selbst) und andererseits ein Tadeln dafür, dass die unauffindbare Google-Destination noch nicht erreicht ist (Wow, die hat den perfekten Körper!“).

Der innere Kritiker ist ein Arschloch. Man ist ständig unzufrieden und enttäuscht, nicht nur von sich selbst, sondern auch den Kollegen, willkürlichen Fußgängern und „langsamen“ Verkäuferinnen an der Supermarkt-Kassa. Alle „schleichen vor sich hin“ oder „drängeln sich vor“, „können nicht Autofahren“ oder „benehmen sich daneben“. Die Kapazitäten des Kopfes werden permanent beansprucht und da, wo eigentlich Ideen und Motivation wachsen sollten, lauern abschätzige Kommentare über uns und unsere Mitmenschen.

Die Nachwirkungen rollender Augen

Diese andauernde Bewertung passiert für gewöhnlich nebenbei. Ein kurzer Blick, ein 3-sekündiges Augenrollen, eine 2-minütige Neidattacke und schon kümmern wir uns wieder um unseren Job, die Straße oder die glutenfreie Schokotorte. (Peppi, der Hausmeister ausgenommen – der kann nämlich den ganzen Tag lang über die „Leit“ schimpfen) Doch obwohl diese wahrnehmbaren Gesten des Wohlwollens oder der Ablehnung nicht viel Zeit an sich beanspruchen, beschäftigt sich unser Unterbewusstsein noch eine geraume Weile mit der Beanstandung, was zumindest innerlich für Unruhe sorgt. Wenn sich diese Kritik erfordernden Begegnungen dann auch noch wiederholen, kann es vorkommen, dass wir bereits am Vormittag darüber klagen „was das für ein beschissener Tag das ist“.

Hör dir mal zu

Der große Schock tritt dann ein, wenn man beginnt dieser inneren kritischen Stimme bewusst zuzuhören: wie oft sie spricht, was sie sagt, in welchem Ton sie auf einen einredet. Plötzlich stellt man fest, dass all diese Bewertungen nicht nur einen großen Brocken Zeit in Anspruch nehmen, sondern einen selbst in seiner Freude und Unbeschwertheit verbittern lassen. Trotzdem glaube ich, dass diese Erkenntnis erst den Unterschied macht, ob man nun weiter be- und verurteilt oder aber seine Kräfte darauf verwendet, die Kritik, das Schimpfen, den Ärger und die scheinbare Arroganz auf ein gesundes Maß einzudämmen. Ich, jedenfalls, musste ziemlich schnell feststellen, dass der Hausmeister und ich uns ähnlicher sind, als mir lieb gewesen wäre und dass ich über einen vernachlässigten Haaransatz schimpfen kann wie er über die unbrauchbaren „Orweita“.

Als ich am nächsten Morgen wieder am Küchenfenster stehe, sehe ich „den Peppi“ mit der Mistgabel im Arm um die Ecke biegen. Auf Wiedergutmachung aus, fixiere ich ihn mit meinem Blick und winke ihm, als er endlich den Kopf nach oben hebt. Voller Freude erkenne ich ein schwaches Lächeln auf seinen Lippen, auf das hin, ich ihm noch einmal kurz und energisch zunicke.“Schee is heit!“, ruft er plötzlich hinauf zu mir und rammt die Mistgabel fröhlich in die Biotonne. „Ja!“, schreie ich überrascht zurück und wende mich etwas peinlich berührt wieder dem Leitartikel meiner Zeitung zu. „Ja“, flüstere ich wie in Trance noch einmal vor mich hin und spüre wie meine Mundwinkel sanft aber merklich nach oben ziehen. „Da hat der Peppi wirklich recht.“