In meinem letzten Schuljahr drehte unsere Klasse ein Video, um die Maturanten in spe bei der bevorstehenden Abschlussfeier kurz vorzustellen. Da einen aber bloß die Eltern der Freunde kannten (bei denen man jedes zweite Wochenende Spaghetti aß, und deren Wodka man die letzten fünf Jahre heimlich getrunken hatte), beschlossen wir jeden Schüler mit Foto, Namen und 3 kurzen Charaktereigenschaften visuell abzubilden. Um das ganze ein bisschen aufzulockern, wollten wir die Eigenschaften nicht selbst auszusuchen, sondern die Klasse anonym abstimmen zu lassen. Jeder von uns bekam am Ende des Tages einen Stapel mit 30 kleinen Zettelchen und durfte daraus die besten Vorschläge auswählen. Als die Papierhäufchen letztendlich verteilt wurden, konnte man die Aufregung fast durch das Klassenzimmer wirbeln sehen. „Tollpatschig“ stand auf meinem ersten Zettel. Ich musste schmunzeln. Dann entdeckte ich die unverkennbaren Handschriften meiner Freunde mit herzallerliebsten Komplimenten. Darauf folgten – eher nüchtern – „ehrgeizig“, „nett“, „gut in der Schule“, „höflich“. Und dann kam er. Der Zettel, den ich nie vergessen sollte. In kleinen, krakeligen Lettern standen da drei Worte: „geht über Leichen“.

Autsch. Da war er, der Beweis, das mein perfektionistisches Streben völlig falsch interpretiert und sogar als Skrupellosigkeit gedeutet wurde. Ich wollte doch bloß, dass meine Leistung für sich spricht, nein, dass sie für mich spricht. Leistung und Kontrolle waren die Eckpfeiler, an denen ich meinen eigenen Wert maß. Und trotzdem saß ich da, an diesem großen weißen Tisch und wunderte mich warum so vielen meiner Mitschüler nichts originelleres als „gut in der Schule“ eingefallen war.

Perfektionismus ist keine psychische Störung sondern ein fehlerhaftes Gedankenkonstrukt, das – in extremen Fällen – zu psychopathologischen Krankheitsbildern wie Essstörungen, Zwangsneurosen und Burn-Out führen kann. Dieser heimtückische Denkfehler wurde bereits so verinnerlicht, dass er die Gehirne der westlichen Gesellschaft verseucht, wie eine universelle Tumorerkrankung. Unterschieden werden jedoch grundsätzlich zwei Arten von Perfektionismus. Während der funktionale Perfektionismus viel mehr ein gesundes Streben nach hohen Zielen beschreibt, bereitet einem der dysfunktionale vor allem Besorgnis und Kummer über die hohen Ideale, die man zwanghaft zu erreichen versucht. Die Gegenwart (das IST) ist bloß ein Beweis dafür, dass man das Ideal (das SOLL) noch nicht erreicht hat. Diese Denkweise, verwandelt das SOLL wiederum in ein MUSS und ist damit der Ausgangspunkt für den ständigen innerlichen Druck, den sich der Perfektionist selbst auferlegt hat. Man gerät ins Grübeln, kritisiert sich selbst und seine Umwelt in Dauerschleife, ist ständig „von Idioten umgeben“ und so auf das Ziel fixiert, dass einem der Weg dorthin vorkommt, wie ein 800 Meter tiefer Tauchgang ohne Sauerstoffflasche.

Doch – dem dysfunktionalen Perfektionisten geht es nicht um die Vollkommenheit an sich. Im zentralen Fokus steht die illusorische Unantastbarkeit. Kein Außen-, aber auch kein Nahestehender soll die Möglichkeit bekommen, ihn zu tadeln oder zurechtzuweisen. Also dreht sich der Alltag weitgehend um Fehlervermeidung. Anders ausgedrückt: man baut eine eisige (wenngleich hübsche) Mauer. Diese besteht aus guten Noten, tollen Praktika, Karrierechancen, Geld, langen blonden Haaren, einem BMI von 17 und ist für den Perfektionisten das Portfolio seines Wertes. Denn, nur wer Leistung erbringt, schön ist und erfolgreich, ist auch wert geliebt zu werden.

Die restliche Zeit verbringt man dann damit, sich zu sorgen und alles Mess- und Wiegbare dieser Welt zu kontrollieren. Instagram Followers, Gewicht, Likes, Gehalt, Nasenlänge. Unbegründete Angst ist dabei immer der zentrale Antrieb des Perfektionisten. Wovor genau man sich fürchtet, ist individuell und reicht von eher gewöhnlichen Komplexen wie „Was werden die anderen von mir denken?“ und „Angst davor, die Eltern zu enttäuschen“ zu einem unerklärlichen Horror vor dem Höllenfeuer. Oftmals ist die Furcht jedoch diffus und es benötigt eine Menge Selbstreflexion oder therapeutische Unterstützung, die Angst zu titulieren und der Ursprungssache zuzuordnen. Erst durch das offene Aussprechen, ist es möglich die Angst zu sezieren, über ihre Lächerlichkeit zu spotten und zuzusehen, wie sie langsam aber sicher verblasst.

Ich weiß bis heute nicht, welcher meiner Mitschüler es damals für nötig befand, mir diesen Zettel zuzustecken. Vielleicht war es ein komischer Scherz oder einfach die ideale Gelegenheit mir eins reinzuwürgen. Doch – ich bin sehr dankbar für diesen Kommentar, denn er hat mich erst darauf gebracht tiefer nachzuforschen und meinem leistungsorientierten Denken auf den Grund zu gehen. Ich bin heute noch immer ziemlich tollpatschig, lasse mich von hohen Zielen inspirieren und lege auch großen Wert auf Höflichkeit. Und, was den Rest betrifft, nun ja – ich bin jetzt mal ehrlich – das ist mir wirklich scheißegal.