Es gibt Veganismus und brutale Fleischesser, die das Blut grausam geschlachteter Tiere nicht nur zwischen ihren Zähnen, sondern auch an ihren Füßen kleben haben. Es gibt Grün und Blau. Die, die 50, 60 Stunden die Woche im Büro sitzen und jene, die faul sind weil sie mit 30 noch immer studieren und sich von ihren Eltern finanzieren lassen. Die, die alles richtig, und jene, die aus ihrer eigenen Sicht nichts falsch machen. Nichtraucher, die mal Raucher waren und nun über all jene schimpfen, die noch immer bereit sind für eine Packung Zigaretten über 5 Euro zu bezahlen. Es gibt Pro und es gibt Kontra. Und da wo einst Farben waren ist nun nichts mehr. Da wo einst Farben waren, liegt eine stark kontrastierte Linie oder vielmehr eine Grenze, die über “ja” oder “nein” entscheidet. Die meisten von uns leben entlang eben jener Linie in einem Grenzgebiet, das gestattet die Markscheide zwar jederzeit zu überqueren, doch es uns nicht immer leicht macht dorthin auch wieder zurückzukehren. Und obwohl die Entscheidung wohin wir gehen selbst oft schon eine lange kräftezehrende Reise bedeutet, ist der Pfad des gelobten Landes gesäumt mit denen, die nur darauf warten mit dem erhobenen Finger auf die Neuankömmlinge zu zeigen.

Man belehre mich, said no one ever.

Die Welt in grauen Facetten ist die ideale Voraussetzung um eine Spezies voranzutreiben, die wir im allgemeinen Sprachgebrauch als “Moralapostel” bezeichnen. Eine Gattung des Menschen, die nicht unauffällig suggeriert sondern offensichtlich schikaniert. Vielleicht nicht das Gegenüber selbst – nein, persönlich sind solche Angriffe freilich nie – sondern bloß die “offensichtlich hinkende” Meinung oder die etwas “fragwürdige” Moral des Diskutanten. Da wird dann munter drauf “rumgereitet” und analysiert – in Kleinteile zerlegt und dann wieder zusammengeschraubt – nur um am Ende festzustellen, dass man sowieso nur “von Idioten” umgeben, und man selbst der einzige ist, auf dessen Meinung man wirklich vertrauen kann. Denn darum geht es dem Hüter der Sitte und des Anstands in seinem Innersten schließlich auch. Das unerschütterliche Vertrauen in die eigene Idee oder Vorstellung, die in ihren Auswüchsen oftmals gar nicht extrem sein muss, um wenig später radikal zu werden. Diese Ausgeburten von “das gehört sich so” umfassen die buntesten Themenkomplexe von A wie Abtreibung bis Z wie Zuckerzufuhr. In der Realität des Moralapostels obliegt es seiner Autorität die Ordnung der Dinge zu bewahren und seine Mitmenschen durch harte Überzeugungsarbeit nicht zu überreden, vielmehr jedoch zu faszinieren. Faszination für das Wahrhaftige, das Einzige. Objektive Faszination für einen subjektiv zusammengestöpselten Kanon was richtig ist. Erst dann kann die Erleuchtung kommen. Erst dann ist seine Mission geglückt und erst dann kann er stolz von Dannen ziehen. Die Rettung der Dummen, der Ungläubigen und derer, die es schlichtweg nicht besser wissen – was für ein Geschenk an die Gesellschaft!

Jö, is der lieb. Manipuliert der oder beeinflusst der nur?

Das klingt jetzt natürlich alles recht aufgebauscht. “Was soll mir der schon tun? Lass’ ich ihn halt reden”, denkt mann dann meist amüsiert bei sich. Das einzige, was wirklich nervt, ist die Tatsache, dass man die letzten zehn Minuten versucht hat eine höfliche Floskel zu finden, um sich dem Lehrauftrag des Moralapostels zu entziehen und feststellen musste, dass eben wirklich nur eine Lüge oder ein gut gemeintes Machtwort hilft. Doch – was ist, wenn dieses häufig halbrecherchierte Wissen, diese individuell geformten Wahrheiten Zustimmung finden? Als “Dumm”, kann man das dann titulieren, und einfach weiter an das glauben, wofür man sich entschieden hat. “Gefährlich” ist es aber dann doch irgendwie. Vielleicht nicht für die geeichte Wissenschaftlerin oder den 65 jährigen Nachbarn, die ihre Gesinnung erlernen durften und mit beiden Beinen zumindest aufrecht stehen können. Gefährlich ist es für all jene, die noch nicht gelernt haben, eine Meinung kritisch zu hinterfragen und nicht auf alles zu vertrauen, was glitzert und glänzt. Wenn der Moralapostel dann einen coolen Wintermantel trägt, mit scheinbar scharfsinnigen Argumenten um sich wirft und auch noch eine Statistik erwähnt, ist es dann meist schon um einen geschehen. Beeinflussung ist so aufsässig geworden, dass es fast schon an Manipulation grenzt – wieder ein Grenzgebiet, in dem wir uns täglich bewegen. Das stetige Bedürfnis seine Meinung kundzutun wird oft damit gerechtfertigt “man wolle ja nur auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen.” Doch auch eine extrem gute Sache extrem zu vertreten ist eine extreme Herangehensweise und hat so viel mit “Aufmerksam machen” zu tun wie Butter und Sojamargarine gemeinsam haben. Niemand will offensichtlich als Moralapostel abgestempelt werden und tarnt die übersteigerten Ansichten lieber als ehrenhaften Absichten.

“Maskieren und täuschen lautet das oberste Gebot”, sagt sie und streckt den Zeigefinger mahnend in die Luft. Wir haben das Grenzgebiet überwunden und befinden uns auf der anderen Seite der Linie. Und da wo einst Farben waren ist nun nichts mehr. “Maskieren und täuschen”, rattert es in meinem Kopf. Schwarz und Weiß als Smaragd und Rubin. Pro und Kontra als Ordnung und Chaos. Richtig und Falsch als Rettung und Untergang.