Wie oft verwende ich das Wort „normal“? So gut wie nie. Entweder etwas ist gut oder schlecht, hell oder dunkel. Ich bewege mich in einem Universum der Dinge, die außergewöhnlich sind oder merkwürdig, manchmal sogar beängstigend. Normalität hingegen ist der Standard einer Situation: ein gesunder Blutwert, ein BMI von 22 oder 15° C im Frühling. Etwas, das man voraussagen kann und das man bei dessen Eintritt als real akzeptiert. Normal ist nichts, was man erst verarbeiten muss oder etwas, das einen überraschen könnte. Mit Belanglosigkeiten beschäftigt man sich nur kurz, es sind oft primitive Notwendigkeiten wie auf die Toilette zu gehen, bevor man sich wieder in jene Welt begibt, in der alle versuchen hervorzustechen.

Die Erfindung der Normalität

Die Mission des Menschen besteht augenscheinlich darin das Leben und alles was daraus entspringt zu vermessen und zu analysieren. Aus den sich daraus ergebenden Werten schafft er Kastensysteme und Klassifikationen, die so spezifisch sind, dass wir sogar einteilen können, ob die Fläche unserer Fingernägel der Norm entspricht. Vom Großen, Ersichtlichen ausgehend – Mensch oder Tier – dringen wir weiter vor und fällen Unterschiede zwischen Mann und Frau und landen schließlich bei der Kategorisierung Körbchengröße und dem Durchschnittsradius von Brustwarzen. Doch nicht nur das Offensichtliche wird bestimmt sondern auch das Verborgene, das Geheime, Private. Lust und Vorlieben, Gesundheit, Krankheit, Gedanken und Gefühle. Immer darauf erpicht einen goldenen Mittelwert festzulegen – ein Maß, an dem jeder und alles gemessen und beurteilt werden kann.

Die Definition des Normalbereichs ist der Ursprung aller Abweichungen und Extreme. Plötzlich sprechen wir von Übergrößen und Behinderungen und Depressionen, von Süchten und Neurosen, vom Rausch und vom Fallen, vom Extremen, vom Außergewöhnlichen und davon, dass das innere Lager entmystifiziert wurde und man trotzdem noch Mensch und nicht Tier ist. Man ist Teil des Spektrums von allem was möglich ist und alles was möglich ist, ist Realität. Wir bewegen uns in einem organischen Milieu, das zwar wächst, doch begrenzt ist, ein „oben“ und „unten“ hat, und sich oft erst an psychosoziale Anforderungen anpasst, wenn man schon jahrelang als „krank“ oder „abnormal“ gegolten hat.

Extrem = Besonders

Hohe Überschreitungen hingegen gelten als erstrebenswert. Man soll sein Bestes geben. Nur nährende Beziehungen haben, die interessantesten Bücher lesen, das gesündeste Essen essen, den coolsten Job ausüben. Anders ausgedrückt, den Peak-Point der Normalität erreichen. Das „beste“ wird festgelegt von jenen, die verkaufen und denen, die um jeden Preis hervorstechen möchten. Sobald eine Industrie erschöpft ist (#sizezero), schießt eine neue aus dem Boden (#superhealthystrongvegangirlpower) und präsentiert das neue Modell der „besten“ – an dieser Stelle kann man jedes beliebige Wort setzen –. Das Credo heißt Optimierung und Realisierung. Man grenzt sich bewusst vom Durchschnitt ab, bewegt sich aber so nahe am Mittelwert, dass man mit nur einem Sprung in der perfekten Ausgangslage ist, die neuen Voraussetzungen von „beste/r/s“ zu erfüllen.

Doch was wäre, wenn „normal“ gut genug wäre? Wenn Normalität frei wäre von all den negativen Assoziationen, die ihr anhaften? Wenn „durchschnittlich“ kein verächtlicher Stempel wäre, keine Klassifikation, sondern ein schmucklos purer Zustand? Der Wunsch nach Normalität verschwand als wir begannen uns selbst zu ernst zu nehmen. Das Streben nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit wurde abgelöst von dem hochstilisierten Versuch der Individualität. Und genau da hörten wir auf über uns selbst zu lachen und erlaubten den Zahlen und Displays und deren sinnlosen Inhalte wichtiger zu werden als unsere Großmütter und der Duft von Gänseblümchen.

Ich bin normal, und das ist cool.

Mit Mut zur Normalität exponiert man sich vielleicht, doch es ist auch die einzig wahrhaftige Form der Revolution. Vielleicht bedeutet „normal sein“, ehrlich zu sein und sich einzugestehen, dass alles was zählt in den Bedürfnissen wurzelt, die uns als Menschen ausmachen. Existenz und Sicherheit, Akzeptanz und Wertschätzung und Träume und Irrwege, Abweichungen, Überschreitungen und die Harmonie und die Ausgewogenheit all dessen. Das hinterlässt uns als jene, die wir sind. In sich geschlossene Massen aus Knochen und Zellen und Fleisch und Haaren, fähig zu lieben, zu verletzen und zu verzeihen. Authentisch und furchtlos, wenngleich leise aber glücklich.