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Laura, 28: Konflikte bringen mich meinem Selbst näher als das unkomplizierteste Miteinander

Projekt Polly Illustration Laura 28

Laura ist 28 Jahre alt und lebt in Bayern. In ihrer Freizeit taucht sie gern in Bücher ein und im Sportschwimmbecken ab. Über das und noch mehr schreibt sie übrigens auf ihrem eigenen Blog.

Was bedeutet Identität für dich?
Identität ist für mich das eigene Ich. Das Quantum Individualität, das mich von anderen 28-jährigen Mädels mit braunen Haaren unterscheidet – von Geruch über Aussehen, dem Verhalten, bis hin zur Zahnstellung.

Ist Identität für dich etwas, das sich konstant verändert?
Ja, Identität ändert sich mit jedem Ereignis, das mich prägt. Innerlich und äußerlich.

In welchen Momenten fühlst du dich am wenigsten identisch?
Wenn ich mich so verhalte, dass ich mich in meinem Handeln oder der Reaktion des Gegenübers auf mich, nicht wiederkenne. Das wird mir dann aber leider nicht im Affekt, sondern erst nachträglich in der Selbstreflexion bewusst.

Was tust du, um dich wieder identisch zu fühlen?
Mich neu ausrichten und erden. Im Gebet und im Gespräch mit meinem Freund.

 

Illustration Mac Game Over

“Ich habe mich damals ausschließlich über die Arbeit identifiziert und als der Umfang immer größer wurde, nie zu bewältigen schien, hat mich das kaputt gemacht.”

 

Hast du schon mal in einer Identitätskrise gesteckt?
Krise ist vielleicht zu hart gesagt, aber Identitätsstörung könnte man das schon bezeichnen. Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Ich habe mich damals ausschließlich über die Arbeit identifiziert und als der Umfang immer größer wurde, nie zu bewältigen schien, hat mich das kaputt gemacht und ich konnte mit mir selbst nicht mehr viel anfangen.

Beschäftigst du dich aktiv mit deiner Identität?
Nein, ich beschäftige mich nicht aktiv damit. Was ich aber tue, ich frage gelegentlich den, der mich gemacht hat. Gott hat einen Plan für mein Leben und deswegen macht es ganz viel Sinn auf ihn zu hören und dem zu folgen, was er sich für mich ausgedacht hat.

Bist du der Meinung, dass deine Identität von Gott bestimmt ist – also auch wie sie sich entwickeln wird oder soll?
Ja, ich bin der Meinung, dass Gott den Grundstein für mein „Sein“ gelegt hat und somit bestimmt, wie ich mich entwickeln soll. Ich glaube jedoch auch, dass der Mensch einen freien Willen bekommen hat und somit die Möglichkeit besteht, dass er sich gegen die von Gott gegebene Bestimmung entwickelt bzw. entscheidet.

Gehören Individualität und Identität deiner Meinung nach zusammen?
Ja, das gehört ganz klar zusammen, weil du dich nur über die Einzigartigkeit von den anderen unterscheidest.

Wie groß ist der Druck individuell zu sein?
Situationsbedingt unterschiedlich: Im Kreis guter Freunde oder innerhalb der Familie ist der Druck höher, weil sich der Geltungsdrang und der Wunsch geliebt zu werden durchsetzen und sich das auf das eigene Verhalten und die Einzigartigkeit schlägt.

 

Illustration Gesichter

“Ich glaube Menschen lieben Menschen, die sie als authentisch empfinden. Die Übereinstimmung von Authentizität und Individualität ist somit wesentlich.”

 

Glaubst du ist Individualität ausschlaggebend dafür wie sehr man geliebt wird?
Ich glaube Menschen lieben Menschen, die sie als authentisch empfinden. Die Übereinstimmung von Authentizität und Individualität ist somit wesentlich. Je krampfhafter man versucht individuell zu sein, desto mehr weicht man von der Authentizität ab und verliert an Glaubwürdigkeit.

Hast du das Gefühl, dass du manchmal verschiedene Rollen spielst?
Das kommt ganz auf die Situation an. Wenn Seriosität gefragt ist, verhalte ich mich anders als im intimen Gespräch mit meiner besten Freundin. Ich denke, dass Rollen uns die Möglichkeit geben, unsere Identität bewusst zu steuern, indem wir unser Verhalten unabhängig vom genetischen Material oder der Erziehunganpassen. Ganz krass herunter gebrochen: Wie zeige ich mich in den sozialen Medien? Niemand ist dort zu hundert Prozent der, der er in Wirklichkeit ist. Wir basteln uns die Identität so zusammen, wie sie dort gern gesehen wird.

Gibt es diese Art Steuerung auch im analogen Leben?
Diese Steuerung gibt es: Befinde ich mich beispielsweise in einem Supermarkt an der Kasse und es funktionieren weder EC- noch Kreditkarte, entschuldige ich mich lächelnd und packe alles, was ich nicht mit Bargeld zahlen kann zurück ins Regal. Es ist mir wichtig, als kontrollierte Person wahrgenommen zu werden. Auch wenn das bedeutet, so nahe wie möglich am Perfektionismus und damit gar nicht bei „mir Selbst“ zu leben.

Wie sehr unterscheiden sich die Auffassung anderer und deine eigene im Bezug auf deine Identität?
Ich glaube, dass Identität von anderen wahrgenommen werden kann. Wie sehr sich diese Wahrnehmung von meiner eigenen Auffassung unterscheidet, hängt damit zusammen, wie gut mein Gegenüber mich kennt. Ich gehe davon aus, dass jedes Gegenüber eine Idealvorstellung von meiner Identität hat und dass diese Vorstellung davon abhängt, wie vertraut wir einander sind. Alles was ich tue, sage und bin hat einen Grund und geht zurück auf meine Persönlichkeit, die sich seit 28 Jahren unaufhörlich bilde. Aber – weil mich niemand so kennt, wie ich wirklich bin, wird die Auffassung Anderer sich immer von meiner eigenen unterscheiden.

Wie leicht ist es für dich deine Identität zu leben?
Meine Identität lebe ich in jeder Situation. Da ich ein offener und aktiver Mensch bin, fällt mir das zum Glück sehr leicht. Auch in unangenehmen Konversationen kann ich meine Identität leben, was auf mein gesundes Selbstbewusstsein und damit auf meine Identität zurückzuführen ist. Ehrlichkeit ist mir besonders wichtig. Für mich gilt: Aussprachen, Auseinandersetzungen, Konflikte und Lösungen bringen mich meiner Identität näher als das unkomplizierteste Miteinander.

In welchen Situationen hast du das Gefühl “am identischsten” zu sein?
In einem ehrlichen, vertrauensvollen Gespräch, in dem ich so sein darf, wie ich bin – ohne Rücksicht auf jegliche Ansehens-Verluste. Je weniger ich darüber nachdenke, was mein Gegenüber über mich denkt, desto größer ist der Anteil des eigenen Ichs. Je unwichtiger mir mein Ansehen in einer Situation ist, desto mehr verhalte ich mich ganz nah bei mir selbst.

Was würdest du sagen, ist dein größtes Ziel im Hinblick auf deine Identität?
Ich möchte Vorbild sein. Mit meiner Identität und meinen Gaben. Ich möchte mich oft anders verhalten, als ich es in Wirklichkeit tue und versuche aus meinen Fehlern zu lernen und mit gutem Beispiel voran zu gehen.

Was würdest du jemanden raten, der auf der Suche nach “sich selbst” ist?
Nimm dir ganz konkret eine Stunde Zeit um den zu fragen, der dich gemacht hat. Dann verstehst du – vielleicht nicht gleich, aber im Laufe der Zeit – warum deine Stärken, Schwächen und Gefühle so sind wie sie sind. Wenn du damit nicht zufrieden bist, dann rede mit Gott. Dafür brauchst du keine zwei Minuten.

 

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