Brain Candy, Liebe
Schreibe einen Kommentar

Ist das endlich Liebe oder kann das weg?

Ich bin 27 Jahre alt und kenne so viele Arten von Liebe, wie mir Menschen begegnet sind. Jeder einzelne von ihnen ist sich sicher, die wahre Definition dafür zu kennen. Worte wie “groß”, “atemberaubend”, “aufregend”, “vertrauensvoll” schaffen eine Messlatte, ein Podest, auf dem alles, das nicht für die Ewigkeit bestimmt ist, aussieht wie ein billiger Fake der neuen Luis Vuitton Kollektion. Ich selbst habe irgendwann aufgehört diese Definitionen zu bewerten. Habe aufgehört, einer Liebe, bloß weil sie länger andauerte, mehr Bedeutung beizumessen. Oder einen Fling bloß als einen Ausrutscher zu bezeichnen, wenn mehr dran hing als der legere Austausch von Körperflüssigkeiten.

“Alles, was ich über die Liebe weiß” ist eine Serie über die lehrreichste Sache der Welt. Sie erzählt von Verbindungen, die wir offiziell nicht “Beziehung” nennen und von Beziehungen, in denen wir gar keine Verbindung mehr spüren. Alles kann und darf Liebe sein. Denn: alles ist und bleibt ein Abbild dafür, wie nahe wir uns selbst schon gekommen sind.

Teil I: Ist das endlich Liebe oder kann das weg?

Wir ziehen uns immer wieder an und stoßen einander trotzdem ständig ab. Die Jahre verstreichen während der Funke in der Stille geduldig weiterglüht. Hier ein Wort, da ein Blick. Doch der Zeitpunkt ist immer schlecht. Nie ist es ein Ja, nie ist es ein Lebewohl. Ich rede mir ein, dass diese Hindernisse meine Bereitschaft testen – dass schließlich und letztendlich alles noch Sinn ergibt.

In jedem Leben eines jeden Lebens gibt es eine romantische Kurzgeschichte. Ein flüchtiges Abenteuer, dessen Auswirkungen länger anhalten, als sich jeder von uns eingestehen möchte. Eine zwischenmenschliche Verbindung, so knapp, wie das geringste Maß an Mut es zulässt. Die brach liegt für Monate oder Jahre, nur um dann plötzlich wieder aufzuflattern wie ein Huhn, dem man gerade den Kopf abschlagen hat. Erst herrscht Stille. Dann sendet oder bekommt man eine Nachricht. Aus dem Nichts liegt man zwei Tage später Haut an Haut und fühlt sich gut. Solange bis man das Bett verlässt und einem bewusst wird, dass das, woran man sich in der Abwesenheit geklammert hat, zwar Nähe, aber keine Intimität geworden ist. Intuitiv weiß man, dass es ohne ihr nicht klappen kann. Denn alles, was einen selbst mit dem anderen zusammenhält – was die eigenen Gedanken zum anderen trägt und die des anderen zu einem selbst – sind aneinander vorbei gereimte Erwartungen. Gesponnen aus Geschichten, deren einzige Gemeinsamkeit der Augenblick des Anfangs ist.

Will man jemanden auf Basis von Erwartungen, will man ihn gar nicht. Vielmehr liebt man eine Geschichte, die man sich erzählt, weil sie besser klingt als die Gegenwart.

Erwartungen entstehen aus dem Ego heraus und dienen dazu, jedes externe und interne Risiko zu minimieren. Besitzansprüche, Fantasien, Sehnsüchte und Kontrollzwänge sollen Sicherheit geben. Sollen schützen vor Einsamkeit, einem gebrochenen Herzen oder dem Wagnis sich dem anderen zu öffnen. Die abweichenden Vorstellungen beider Menschen formen zwei unterschiedliche Filme. Die Handlung dieser Filme verläuft nach unterschiedlichen Skripten und gipfelt zum wiederholten Male in der dominierenden Phase der Trennung – jenem Teil, den man nach Monaten der Einsamkeit wieder romantisiert um schlau aus ihm zu werden. Man betrachtet die Distanz als etwas, das dazugehört, die gemeinsame Geschichte erst vollkommen macht und ihr am „Happy End“ die richtige Dramatik verleiht. Verabschiedungen, Bauchweh und schmerzender Sarkasmus im Mittelteil werden ausgeblendet. Man spielt Gott über sein eigenes Leben und das des anderen. Man glaubt, das große Ganze bereits zu kennen. Zu wissen worauf alles hinausläuft. Sex, Love oder Magic. Man kontrolliert die bedrohliche Ungewissheit mithilfe sonderbarer Fantasien, eine Szene nach der anderen. Oder aber, indem man flieht.

Ich vermisse den verschwommenen Ansatz seiner Lippen. Die Millisekunde bevor wir aufeinandertreffen. Es ist der einzige Moment, in dem ich nicht fürchte, dass er mich zurückweist. Weil ich das Ziel schon spüren kann.

In diesem emotionalen Hin und Her tummeln sich Worte wie „trotzdem“ und „aber“. Man analysiert statt zu fühlen, lebt gedanklich in der Zukunft oder in gemeinsamen flüchtigen Augenblicken der Vergangenheit. Man nimmt all das auf sich, weil einem selbst und dem anderen in einem kurzen Moment der Leichtigkeit gleichzeitig warm um’s Herz wird, die Blicke verschmelzen, die Skripten sich einander annähern. Diese Sekunden der ehrlichen Verbundenheit bedeuten unheimlich viel. Sie sind die natürliche Schwerelosigkeit des “im Moment seins”. Der Zauber der Gegenwart. Des “ich sehe dich, wie du bist” und “du siehst mich, wie ich bin”. Ganz ohne Wertung. Ganz ohne das Verlangen, irgendetwas kontrollieren zu wollen.

Plötzlich wird einem genau das klar und die individuellen Schutz-Mechanismen setzen wieder ein. Krampfhaft versucht der Kopf zu verstehen: Wie erhält man diesen echten und zugleich diffusen Zustand, wenn man doch nicht loslassen möchte vom Drang, den Output zu kontrollieren? Oder der Vorstellung, wie aufregend der andere neben einem sein könnte? Generell sein könnte? Wie soll man nur im Moment bleiben – den Anderen wirklich sehen – wenn man ständig zurückblickt auf eine wackelige sporadische Vergangenheit und/oder eine Zukunft, die aufgrund ihrer fantastischen Hirngespinste zum Scheitern verurteilt ist?

Sachlichkeit und Kälte tauschen wir gegen tiefe Blicke und körperliche Nähe. Die Dunkelheit teilen wir nicht, weil wir uns im lichtdurchfluteten Wohnzimmer lieber doch nicht blamieren wollen.

Zur Romantisierung der Distanz und der Verleugnung der Gegenwart gesellt sich die logische Begründung, dass man erst mit dem anderen zusammen sein kann, wenn man reifer ist – oder in anderen Worten – “gut genug”. Wenn man seine Kindheitstraumen überwunden hat oder einen Halb-Marathon gelaufen ist. Dafür ist der Abstand da. Um in einsamer Schönheit besser, perfekt, zu werden.

Als ich gehe, ist es vorbei. Ich weiß das, weil ich ihn zwei mal küssen muss, bevor ich es schaffe, mich umzudrehen. An der nächsten Straßenecke rast mein Herz wie wild. Die Distanz zwischen uns hat mich bereits eingeholt.

Wird man nicht geghosted, kommt es zum letzten Gespräch. Das verläuft in Schockstarre, Stille oder schäumender Wut. Man schiebt die Schuld von einem Ende des Telefonats zum anderen. Die Kälte ist endgültig zurückgekehrt. Ab jetzt kämpft jeder wieder für seine eigene Einsamkeit. Man steht bemüht über den Dingen, sagt etwas, das man genauso gut in einem Business-Meeting mit Powerpoint dropen könnte. Zwischendrin streut man ein paar hässliche Worte. Der letzte klägliche Versuch um festzustellen, ob man in dieser Kälte noch Feuer erzeugen kann. Denn, was jetzt noch schmerzhafter wäre, als zu verletzen oder verletzt zu werden, ist überhabene Gleichgültigkeit.

Ich rufe sie an und erzähle, dass es mal wieder vorbei ist. Sie hört mir zu und schimpft an den richtigen Stellen. Dann ist sie fertig und zum ersten Mal still. Ich sage nichts, bin müde und aufgekratzt zugleich. Wir verabschieden uns. Es ist fast Mitternacht. Bevor sie auflegt sagt sie “Du hast was Besseres verdient”. Im nächsten Atemzug wird mir schmerzlich bewusst: Dieses “Bessere” – das hat uns ruiniert.

Von der wiederholten Pause zum endgültigen Abschluss kommt man, indem man dreierlei Erwartungen loslässt: die an den Menschen, an die Beziehung und jene an sich selbst. Indem man wahrnimmt, wie viele „wenn, dann’s“ diese „Beziehung“ begründen. Wie leichtfertig man Energie in „Warten und Hoffen“ investiert. Wie weh der Stolz eigentlich tut und wie wenig das mit Intimität zu tun hat. Was für beinahe körperliche Schmerzen fremde Erwartungen anrichten. Wie unfrei man sich fühlt. Wie viel Zeit man im Konjunktiv II verbringt und wie sehr man gesehen werden möchte um endlich „gut genug“ zu sein, für die Erwartungen, die der andere – aber vor allem man selbst – an sich stellt.

Loszulassen bedeutet sich hinzugeben. Einer Sanftheit, die uns dabei unterstützt, das Leben und unsere Gefühle anzunehmen, wie sie sind. Die uns dabei hilft, nicht nur unseren eigenen, sondern auch den Film des anderen zu sehen. Die unterschiedlichen Skripten mit Abstand zu betrachten. Zu erkennen, dass den Erfahrungen, die man zusammen erlebte, so viel Eigenes, Unsichtbares zu Grunde liegt – alte Wunden, Verhaltensmuster, Schutzmechanismen, Vorstellungen, wie jemand oder etwas zu sein hat. Dinge, für die man mehr als bloß Nähe braucht, um sie zu verstehen und zu verzeihen.

Ich kann nicht akzeptieren, dass ich mich unwohl fühle während wir gemeinsam unvollkommen sind. Ich kann nicht jedes Mal in die Zukunft schauen und hoffen, dass es diesmal klappt. Die Hingabe endlich größer ist als der Stolz. Wir es schaffen unsere Erwartungen loszulassen und die Hände frei bekommen, damit wir einander halten können.

“Sein” hilft in diesem Fall mehr als “tun”. Annehmen mehr als ablenken. Dann wächst auch der Mut zur eigenen Unvollkommenheit. Denn im Grunde wünscht sich jeder von uns jemanden, der unseren Kern erkennt. Jemanden, der unser Potenzial spüren kann, auch wenn wir es selbst noch nicht voll leben. Jemanden, der nicht von uns erwartet, dass wir es zur Gänze ausschöpfen, aber sich trotzdem traut uns zu sagen, dass er genau das an uns liebt. Und Tage, Wochen oder Monate später sitzt du in der U-Bahn, streichelst ein Huhn oder hörst Love, Sex, Magic und aus dem Nichts musst du lächeln, weil du aus der Pause ein Ende gemacht hast. Weil du gerade nur hier bist in diesem Moment. Weil du weißt, dass dieses Hin und Her dir gezeigt hat, was du wirklich willst. Ihr einander und füreinander ein Spiegel wart. Damit du sehen konntest, was du loslassen musst. Dass auch das irgendwie Liebe ist. Und weil dir, zwischen einer Sekunde und der nächsten, klar wird, dass diese – deine – Realität schöner ist, als jeder erfundene Film.

Loading Likes...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.