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Grenzen und Wettbewerbe: Was uns wirklich voneinander trennt

Ich habe in meinem Leben erst vier Kontinente bereist. Vor 20, 30 Jahren wäre diese Statistik bewundert worden – vier von sieben – das wäre ein wahrhaft beeindruckender Schnitt gewesen. Heute sieht die Welt jedoch etwas anders aus. Obwohl diese sieben Kontinente noch immer bestehen, hat sich die Bezwingbarkeit der Ferne um die eigene Achse gedreht. Heute fliegst du gleich morgen um 500 Euro nach Asien, von dort reist du optimalerweise mit dem Zug weiter, entweder in einer kleinen überschaubaren Gruppe von Freunden oder am besten (und modernsten) nur mit dir selbst und deinem Rucksack. Im nächsten Jahr gehts dann nach Südamerika – diesmal gleich 2 Monate um auch wirklich alles zu sehen, was du dir vorgenommen hast. Ein zweites Mal hast du immerhin keine Zeit für Brasilien, da ist dann ein anderes Land an der Reihe. Es gibt einfach so viel zu entdecken und wir alle, die wir in dieser Welt leben, sehen uns als Entdecker, als Abenteurer, die den Planeten in seiner Gänze erleben wollen. Fotos reichen schon längst nicht mehr aus um die Schönheit und Wirkung eines Ortes zu erfassen. Ich kenne auch niemanden der mit 25 Jahren noch an Jetlag leidet. Dieser Erschöpfungszustand ist, so kommt es mir vor, durch regelmäßige Übung unter Generation Y komplett ausgestorben. Reisen erweitert unseren Horizont und liefert uns nicht nur neue Denkansätze sondern vor allem Dünger zum eigenen geistigen Wachstum. Doch – muss ich dieses wettbewerbsähnliche Kontinent-Hopping tatsächlich mitmachen um als “weltoffen” zu gelten?

Ein Wettbewerb ist nichts anderes als der Vergleich von Leistungen. Vergleich wiederum bedeutet nichts weiter als das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden – ein Thema, das uns wohl allen sehr geläufig sein dürfte. Während wir zu früheren Zeiten der Evolution Vergleiche anstellten um zu überleben, sind sie heute zu einem fixen Bestandteil der Gesellschaft geworden. Ich selbst vergleiche mich mit anderen Menschen seitdem ich denken kann, unabhängig davon welche Thematik mich gerade beschäftigt. Mal ist es die Länge meiner Beine, die Beschaffenheit meiner Haare oder die Reinheit meiner Haut, an anderen Tagen geht es um bedeutendere Dinge wie Karriere, Freizeitbeschäftigungen oder Geld. Die Orte an denen diese Vergleiche stattfinden sind allgegenwärtig – online und offline. Da natürlich gerade soziale Netzwerke einen Hang zum übertrieben Positiven haben, darf man sich nach 2 Minuten auf Instagram nicht wundern, warum die Frisur (mit der man eben gerade noch glücklich war) plötzlich nicht mehr so sitzt, wie sie eigentlich sollte. Doch auch abseits der Bildschirme lauert der Vergleich hinter symmetrischen Gesichtern, einem vollen Reisepass und schicken Designerteilen.

Obwohl wir wissen, dass uns diese Gewohnheit alles andere als glücklich macht, ist es doch sehr schwierig sich diesem angelernten Tick zu entziehen. Was hat es also für einen Sinn, uns ständig vor Augen zu halten was wir im Vergleich zu anderen nicht haben oder schon haben und nicht haben wollen? Wir tun nichts anderes, als uns einem Collagen-ähnlichen selbstgeschaffenen Ideal anzunähern – die schönen langen Haare der Fremden im Supermarkt, die Connections des Bekannten einer Freundin und die Reiseabenteuer eines Freundes, der den Mut hat, sich gegen die Konventionen eines 40-Stunden-Jobs zu wehren. Es ist nichts weiter als ein buntes Potpourri an Unterschieden, die es zu überbrücken gilt. Dass dieses Ideal jedoch das Ideal einer Generation ist, ist nicht zu verleugnen. Denn wieso laufen wir sonst in den gleichen Klamotten, mit den gleichen Haaren, den gleichen Reisezielen und gleichen Karriereträumen umher? Wir alle folgen ein und dem selben Trend und zwängen uns damit in eine selbstgeschaffene Uniform, die unsere Unterschiede gut kaschieren und uns der erträumten Idealvorstellung näher bringen soll.

Wirft man einen Blick auf die Gegenstände dieser Vergleiche, landet man schnell bei Leistungen, Besitztümern und Äußerlichkeiten. Fast lachhaft eigentlich, wenn man bedenkt, dass gerade diese Dinge von so vielen naturgegebenen Faktoren abhängen und vor allem an das Gesetz der Vergänglichkeit gekettet sind. Brennt dein Haus ab, verlierst du alles was du an Konsumgütern besitzt; Hast du einen schweren Unfall, kannst du deinen Job und deinen Sport vielleicht nie wieder ausüben – ein wirtschaftlicher und körperlicher Leistungsverfall; Und was die Besessenheit von Äußerlichkeiten betrifft – lassen wir einfach die Zeit ihre Wunder wirken und treffen uns in 50 Jahren nochmal. All diese Faktoren, die wir ständig versuchen gegeneinander aufzuwiegen sind demnach nichts weiter als leere Investitionen. Eine schöne Nase lässt mich immerhin auch nicht länger leben.

Was wäre also wenn wir es schaffen würden den Zwang des Vergleichens zu überwinden? Ich denke wir hätten ein wesentlich entspannteres Leben. Anstatt mir Gedanken darüber zu machen ob mein Outfit zum Rest der Menge passt, könnte ich meine Energie in wesentlich sinnvollere Dinge investieren. Anstatt mir krampfhaft Gedanken über meine nächste Reise zu machen, könnte ich einfach mal aussetzen und in den Wald fahren um erleichtert durchzuatmen. Klar, muss das Widerstehen des Vergleichs geübt werden wie Fahrradfahren, doch ich denke, dass es an der Zeit ist, auf unsere innere Stimme zu hören, das persönliche Konstrukt des Idealzustandes loszulassen und uns von “müssen” und “sollen” zu verabschieden. Vielleicht werde ich niemals nach Brasilien reisen und von dem ein oder anderen als “langweilig” abgestempelt werden. Doch was soll’s? Immerhin habe ich meinem Gegenüber einen für ihn erfreulichen Vergleich geliefert. Und wenn man so “spießig” ist wie ich, kann man über so etwas auch schmunzeln.

Photo by Leio McLaren on Unsplash

 

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