Brain Candy, Liebe
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Greif’ mich an, aber berühr’ mich nicht

Es ist zu heiß an diesem Sonntag Morgen. Ich warte bis der Kaffee kalt geworden ist und flüchte in die dunkelste Stelle des Schattens. Unter dem 100 Jahre alten Marillenbaum breite ich die Zeitung aus und verschlinge eine Zeile nach der anderen. Innenpolitik, Feuilleton, Schulreform. Bis ich plötzlich hängen bleibe und nicht mehr weiter kann. Ein Artikel über Protestaktionen in Hongkong. Nichts Ungewöhnliches, wenn sich ein Volk gegen eine unliebsame Herrschaft zur Wehr setzt. Nichts, das mich zum Stocken bringt. Bis ich zur zweiten Spalte komme. „Be water“ heißt es dort. Eine neue Taktik des Protests, der unvorhergesehen an einem Ort auftaucht, um dann woanders hinzufließen. Eine kurzweilige Straßendemo hier, ein plötzliches Sit-In dort. Alles zu knapp und flüchtig, um eine Konfrontation mit der Polizei zu provozieren. Die Demonstranten bleiben anonym und unsichtbar. Man kann nicht bestraft, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Mein Atem wird flacher. Irgendetwas in mir fällt von einer Höhe. Erzeugt Hitze durch die Reibung mit den Gefühlen in meinem Körper. Der Schatten wird unerträglich heiß. So heiß, dass ich ihn verlassen muss.

Es startet harmlos zwischen uns, zaghaft. Wie alle Anfänge, denen keine Beabsichtigung sondern eine Unschuld innewohnt. Eine wiederholte Aneinanderreihung von oberflächlichen Gesprächen. Ich trinke eine Tasse Tee, er eine Flasche Bier. Dann passiert der erste Kuss, der zweite Kuss, der sechste Kuss. Ich denke nichts, außer „Das ist der Stoff, aus dem die Freiheit ist.“ Wenn unsere Lippen aufeinander liegen, gibt es nur das Jetzt. Keine Zeit für Tiefgründigkeiten oder Zukunftsgedanken. Es herrscht Einigkeit über unser beider Grenzgebiete. Kein versteckter Aktionismus, sondern Frieden. Nachricht um Nachricht, reiht sich ein Treffen an das andere. Doch – je näher wir uns kommen, desto prekärer wird die Situation, umso mehr wächst die Distanz. Bis eine Nachricht sein unterschwelliges Protestschild beschreibt und mich meiner emotionalen Unabhängigkeit entwaffnet. “Erwarte dir nichts” steht da in dunklen kleinen Lettern. Ich atme ein und verliere dennoch an Höhe.

“Romantisch ist, wer mir heute nach dem dritten Date nicht vorschreibt, was ich fühlen darf.”

Noch nie waren wir Menschen uns so nah und gleichzeitig so unverfänglich fern. Wir alle sprechen Abgrenzung fließend. Wir alle sind Rebellen gegen die Sozial-Merkmale des Menschlichen und unserer eigenen Emotionen. Wir sind wie Wasser. Etwas in das man greifen, aber das man nicht festhalten kann. Um uns schwirrt ein Radius, ein Sicherheitsabstand – sorgfältig aufgebaut aus unterschwelligen Protestaktionen, die zwar einzeln unauffällig, in ihrer Summe jedoch erdrückend wirken. Protest bedeutet, dass man gegen etwas, das da ist oder zu kommen droht, Widerstand leistet. Und in diesem Unterbinden sind wir geübt – wir machen es mit unseren Bedürfnissen und den Gefühlen der flüchtigen Anderen. Halten die Nähe, schaffen Distanz. Aber, wogegen protestieren wir eigentlich? Gegen die Gefahr uns zu verlieben, jemanden zu verletzten oder selbst enttäuscht zu werden?

Better safe than sorry
Die Gefahr liegt nicht im offenen Protest, dem anti-anonymen. Sie liegt im Verborgenen. „Be water“. Das flexible und heimliche Boykottieren von Chancen und Möglichkeiten. Zur emotionalen Empfängnisverhütung stülpt man sich statt Gummi getarnte Beschuldigungen, einengende Regeln oder sarkastische Bemerkungen über die Haut. Und das ist weitaus gefährlicher als ein „Es ist nur Sex“, weil es zwischen den Fronten gefühlsecht bleibt. Gemäß der chinesischen Protestkultur stellen wir unsere emotionale Anonymität an erste Stelle. Für die Gefühle des anderen wollen wir keine Verantwortung übernehmen. Nichts anderes impliziert ein „Erwarte dir nichts.“ Es ist ein „Machen wir weiter, aber ab hier bist du für dich selbst zuständig.“ Ein kläglicher Versuch zu kontrollieren, was der andere fühlt und wie weit er sich darin fallen lassen darf. Als ob man Gefühle mit Schuld strafen könnte.

Am Anfang geht es nur um diese eine Sekunde, diese eine Nacht, diesen einen Morgen. Aber irgendwann sind mir seine Lippen nicht genug und ich sehne mich nach mehr – dem, was sie von sich geben. Doch das ist bloß Widerstand in getarnter Form. Eine Art des Sit-Ins, in der er mir zwar zärtlich über den Rücken streicht, aber sich selbst niemals verletzlich macht.

Ratatatam mein Herz
In unserer Verletzlichkeit umgeben wir uns ausschließlich mit Menschen, die zwar nahe gehen, nicht aber unter die Haut. Ein Light-Programm aus Bekanntschaften, die uns amüsieren, aber nicht triggern und viel zu schwach sind, um uns den Spiegel vorzuhalten. Denn: zu groß ist die Angst, sich entwickeln zu müssen, sich das anzuschauen, wovor man bis jetzt so erfolgreich die Augen verschlossen hat. Die Furcht vorm Verschmelzen und vorm Angreifbar machen, vorm erneuten Vernarbt werden, vor den eigenen Gefühlen – dem Restschmerz einer vorherigen Beziehung; der Panik, sich beim „Drauf einlassen“ selbst zu verlieren; der Unentschlossenheit, ob man dort bleibt, wo man ist oder auf einem anderen Kontinent seinen Problemen davonläuft.

Ist man mit der eigenen Innenwelt nicht im Reinen, fürchtet man das Gefühlsspektrum des anderen umso mehr. Die Fremde, die dort lauert, verspricht noch ungestümer und wilder zu sein als das, was man in sich selbst einigermaßen unter Kontrolle hält. Unbewusst weiß man, dass das Abverlangen eines „Ich verliebe mich nicht in dich“-Versprechens niemals garantieren kann, dass da nicht doch was im Gegenüber wächst. Und das war’s dann auch schon mit „better safe“ und man brettert ohne Airbag geradewegs in die defensiven Verhaltensmuster des anderen. Eine Welt, die man ohne Mut lieber verlässt, bevor man es wagt, in ihr ein Zuhause zu finden.

Ich weiß immer, wenn es der letzte Kuss ist. Es ist eine Gabe, die ich verfluche, weil der Abschied schon in der Berührung beginnt. Zerrissen schwanke ich zwischen gehen und bleiben. Ich bin fertig, mit allem, was ich bis hierhin hätte geben können. Und dann verschwinde ich und frage mich ob er mutig genug war, dasselbe zu tun. Furchtlos genug, um zu geben, was er noch für mich übrig hatte. Aber Mut ist etwas, das eine Empfänglichkeit voraussetzt. Ein Offen sein für ein „what if“. Eine Tür die wegführt von „da ist nichts“, hin zu einem boden- und deckenlosen Raum, in dem alles möglich ist. Eine Dimension der Freiheit, der Wertschätzung, der Chance. Etwas, das einen letzten Kuss zum ersten machen kann.

Empfänglichkeit bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst oder das vollkommene Hinwegsein über halbverheilte Wunden. Empfänglichkeit bezeichnet die Bereitschaft zum Mut, die Hindernisse wahrzunehmen und die Entscheidung über sie hinwegzusteigen. Nicht zurückzulassen, aber ihnen einen Schritt vorauszugehen. Sodass die Distanz zum Gegenüber kleiner wird und die, zu einem selbst. Der Sicherheitsabstand verschwindet. Das Menschliche sich wieder zeigt. Ein Niederlegen der Schilder, ein Annähern der Fronten. Ein gemeinsamer Spaziergang durch den Schützengraben, der in warmer Stille plötzlich Sicherheit verspricht. Sicherheit, die einen dazu befähigt, dem anderen zuzuhören und die eigene Wahrheit zu sprechen. Sichtbar. Hörbar. In voller und alleiniger Verantwortung für sich selbst. In Vertrauen. Aus nächster Nähe. Vielleicht fällt man dann aus der heißen Höhe hinein ins tiefe Blau – den allumfassenden und dunkelsten aller Schatten. „Water“, das sich plötzlich so leicht anfühlt, als ob man darüber hinweggehen könnte und das, obwohl man es trotzdem niemals greifen kann.

Photo by Daria Shevtsova from Pexels

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