Alle Beiträge, Brain Candy
Schreibe einen Kommentar

Glanz, Krampf und Gloria – Ein Hoch auf den Bread-and-Butter Job

Tisch mit Weingläsern

Im Sommer 2011 scheuerte ich eingetrocknete Fäkalrückstände mit Gummihandschuhen, Klobürste und Brechreiz von den Toiletten einer Schule. Zusammen mit drei Freundinnen quälte ich mich morgens aus dem Bett und nachmittags in den Bikini um meine nach Essigreiniger duftenden Haare (glaubt mir, nach allem was man dort riecht, ist Essigreiniger wirklich ein Duft) ins Chlorwasser zu tauchen und mich im stechenden Sonnenschein trocken zu schlafen. Die Freuden eines Ferienjobs, bei dem man in Jogginghose erscheinen durfte und am Ende des Monates so viel Kohle bekam, wie jemand im 3. Berufsjahr “laut Kollektivvertrag”.

Sieben Jahre später zahlt ein 40+ Stunden Bürojob für mein Leben. In der hintersten Ecke des Raumes ist meines Schreibtischs einzige Lichtquelle eine von der Decke strahlende Neonröhre, weil das Fenster zu weit weg ist und eine übertrieben hohe Pinnwand mich von der Sonne trennt. Im Nebenzimmer wird geschrien und alle paar Minuten geht jemand mit hängenden Schultern und zu großem Ego an der Tür vorbei und starrt gedankenverloren auf meinen Bildschirm. Ich komme und gehe in der Dunkelheit und tröste mich damit, dass zumindest morgens die Vögel zwitschern und ich mich beim Lidstrich-ziehen ein bisschen wie Aschenputtel fühle. Komme ich abends nachhause, haben dm und Buchhandlung bereits geschlossen und die einzige Möglichkeit noch Tampons zu besorgen, führt entweder zur Tankstelle oder besonders wahnwitzigen Einfällen. Als gegeben akzeptiere ich mittlerweile auch die Nachtdienst-Gebühr der Apotheke. Erst zuletzt pflegte ich eine angenehme Unterhaltung mit dem jungen Herrn Magister, der mich durch die gläserne Luke der Eingangstüre mit ungebrochenem Enthusiasmus zum Thema Scheidenausflüsse belehrte. In diesem Moment schloss ich Frieden mit den obligatorischen € 1,80 denn Sätze wie “Das hilft auch meiner Freundin gut”, würde ich ohnehin mit einem Trinkgeld honorieren.

Und dennoch oder gerade deshalb: Der unglamouröse Bread-and-Butter Job gleicht einem chronischen Scheidenpilz und ist die letzte Referenz, die man jemanden beim ersten Kennenlernen unterbreiten möchte. Er juckt, stört und verhindert das sexuelle Vergnügen (wahrhaftige Berufung) mit einer solchen Entschlossenheit, dass wir uns von ihm unterdrückt und bestimmt fühlen. Zeit, Geld (ich sag nur Nachtdienst-Gebühr der Apotheke) und Energie fließen uns wie Sand durch die Finger und selbst die gut gemeinte Gleitzeitregelung erweist sich als unbrauchbar, dieses “Ich-laufe-über-ein-Feld”-Gefühl von Freiheit zu konservieren. Um uns von unserem Schmerz abzulenken, scrollen wir durch die Leben anderer und stellen fest, dass Bekannte X schon wieder einen Yoga-Retreat in Mexiko besucht und wundern uns, wie man im Jahr acht Wochen Urlaub und eine heile Vagina (erfüllende Arbeit) bekommt.

Dabei ist die Lösung so einfach: Kündige deinen Job. Gönn’ dir eine Pause. Reise den Kokosnüssen hinterher. Werde Instagram Star. Lerne am endlosen Sandstrand was “gratitude” bedeutet.

Frei nach dem Motto – “ich möchte nicht arbeiten, aber ich weiß nicht was ich wirklich will” wird heute munter gekündigt, nur um nach sechs Monaten festzustellen, dass die Kohle für Essen und Wohnen draufgeht und das unglaublich alternative „Jetset-Leben“ ungefähr so real ist, wie alles, was man auf Instagram unter #traveltheworld zu sehen bekommt. (Das AMS mag zudem immer ganz gerne wissen wo man sich aufhält wenn man zuhause nicht gerade 20 Bewerbungen pro Tag verschickt.) Die Berufung hat einen bis dato auch noch nicht ereilt und nach der 6. Staffel Friends fühlt man sich so alleine wie noch nie, weil der Rest der eigenen Sippschaft von neun bis fünf in Meetings, dem Kindergarten oder im Weinkeller steckt.

Deshalb soll uns in der Epoche sozialer Einsamkeit zumindest der Job vollkommen (glücklich) machen. Wir möchten Sinn darin finden und Gutes tun. Und ja, es ist löblich, wenn wir uns gegen Konzerne entscheiden, die Ressourcen verschleudern und schon beim ersten Vorstellungsgespräch süffisant grinsend mit dem All-In-Vertrag wedeln. Doch festgefahren in dieser oberflächlichen Arroganz vergessen wir oft, dass die Entscheidung “für oder wider” nur wenigen Privilegierten obliegt. So landen wir schnell in einer Zwischenwelt, in der ausschließlich unsere Kaste existiert, wir mit der Nase rümpfend über KollegInnen herziehen und beim ersten Anflug von Schwierigkeiten das nach Weichspüler duftende Handtuch werfen.

How to make it in RL

Versteht mich nicht falsch – Träume sind gut, Reisen augenöffnend, die Zivilisation zu retten großartig und ein Job der Sinn, Spaß und Schotter bringt, wahrscheinlich nicht nur zutiefst persönlich-, sondern auch weltbewegend. Doch – Realität ist auch gut. Die Realität ist dieser vernachlässigte, höchst unangenehme Raum, an dem wir unsere Lektionen lernen und Tag ein, Tag aus mit unserer eigenen Menschlichkeit konfrontiert sind. Es ist der Ort, an dem wir unsere Ideen in Taten verwandeln, an dem wir weinen, heilen, machen, aufstehen, putzen und fühlen. Es ist die Wirklichkeit jenseits der rosaroten Brille. Der dunkle Platz, an dem wir in brausenden Zeiten die Monster “Armutsgrenze” und “Notstandshilfe” verbannten.

Die Realität ist auch das Zuhause der echten Arbeit. Und das ist per Definition nichts anderes als “Geld für Tun”. Manchmal gibt es einen Vertrag, der regelt wie deine Rechte sind und manchmal kletterst du wie ich (2011) auf eine Leiter mit einem Kübel Aufwaschwasser und hoffst, dass sich der kroatische Hersteller 1987 im Bezug auf Stabilität in diesem Produkt verwirklichen wollte. Echt arbeiten kannst du in einem Büro oder von deinem Sofa aus, du kannst deinen Job lieben oder hassen, vielleicht sogar eine apathische Haltung dazu entwickeln. Wenn du für deine Mühe kein Geld bekommst, hast du schlecht verhandelt, kannst nicht nein sagen oder tust das, was du da so leichtfertig “Arbeit” nennt aus Nächstenliebe oder allgemeiner Begeisterung.

Zwischen Traum und Daseinsberechtigung

Der Arbeit Sinn zu verleihen hängt von unserer Bereitschaft ab, die Realität zu akzeptieren und nicht davon, uns für unsere nicht realisierten Ideen gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und uns selbst eine Daseinsberechtigung zu erteilen. Realität heißt die Welt zu sehen und nicht aus Angst vor “Ich bin nichts wert wenn ich noch 2 Jahre länger in diesem Job verharre” krampfhaft nach DER IDEE und Instagram-tauglichen, mexikanischen Apartments zu suchen. Es bedeutet langsames, organisches Wachstum – Zufälle, Glück, richtiges Timing, manchmal ein bisschen Leid und oft – man glaubt es kaum – überhaupt keins. Dein Bread-and-Butter-Job ermöglicht dir, deine Rechnungen zu zahlen und Geld für deine Träume zu sparen. Er rettet dich vor Vereinsamung und stellt dich jeden Tag vor fachliche, persönliche und soziale Herausforderungen. Bist du permanent überarbeitet, wäre es jetzt an der Zeit zu lernen wie du Grenzen setzt. Bist du ständig unterfordert und gelangweilt? Such dir einen anderen Job oder lerne etwas Neues. Mache Fehler, stell Fragen, wachse über dich hinaus, sammle Informationen in der tristen Welt der Neonröhren. Brüte über den Ideen, die dir am Herzen liegen, finde heraus wie du am besten entspannst, setze Prioritäten und konzentriere dich auf deinen eigenen Weg. Vergiss die Zeit, befreunde dich mit dem Apotheker deines Vertrauens und dann, wenn der Pilz bloß noch eine Erinnerung und das Geld auf deinem Bankkonto ist, dankst du der Realität, nimmst ein paar Scheine in die Hand und gibst deinen Freunden eine Runde aus.

Loading Likes...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.