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Ein Plädoyer für gebrochene Herzen und gescheiterte Träume

Zerbrochener Blumentopf auf Fensterbank

Auf meinem Schreibtisch steht heute Morgen ein Bouquet wunderschöner Tulpen. Sie stecken in einer Vase und leuchten von innen während das Sonnenlicht durch das Fenster fällt und der Geruch von Frühling in meine Nase steigt. Und das obwohl die Blumen im Grunde hirntot sind, bloß noch an lebenserhaltenden Maßnahmen hängen (Wasser) und jede Sekunde weiter vor meinen Augen verrotten. Valentinstag ist der Tag der Liebe, des öffentlichen zur Schaustellens, der Tag der 1.000 Rosen, der ekelhaftesten Pralinen, der kitschigsten Whatsapp-Videos und der unnatürlichsten Gesten des Jahres. Es ist der Tag an dem die Romantik aus ihrem ruinösen Zustand erwacht und wir entweder auf einer Zucker-Wolke schweben (Achtung Diabetes-Gefahr) oder: trinken. Dann verfluchen wir den Konsum und verbrennen das letzte Foto unseres Ex-Freundes zusammen mit seiner schwarzen Seele in der Flamme einer Partylight Kerze, während wir lässig an unserem Bier, Wein oder Vodka nuckeln und die Sekunden zählen bis endlich ein neuer Tag anbricht.

Doch obwohl der Kalender bald von 14. auf 15. springt, bleibt imaginär, gedanklich und im Grunde genommen der Valentin an dem Tag kleben und preist weiterhin die Liebe als den heiligen Gral, aus dem nicht nur Familie, Freundschaft und Beziehung wachsen, sondern auch Erfolg, Macht und Heilung ihren Ursprung finden. Wir leben in einer Zeit des „do more of what makes you happy“, einer Ära der Selbstverwirklichung, einer Epoche des Optimismus und der Stunde von „everything is possible“.Wir predigen Selbstliebe und Gesundheit wie Demut und Glaube während wir uns (und anderen – Instagram Hallo!) mit yogischen Handständen beweisen, dass wir wirklich (und athletisch) in unserer Mitte ruhen.

Wir sind nicht mehr traurig oder von Sinnen, denn das Wort „unglücklich“ hat einen Status erreicht, den die Welt und wir selbst im Geiste mit einer schwer heilbaren Krankheit gleichsetzen. Also sammeln wir all die Traurigkeit, die Wut, den Neid und das Elend, schmelzen es ein in einem Topf und füllen es ab in Gläser, die wir später mit dem Wort „Stress“ etikettieren. Statt vor Wut zu schäumen, reagieren wir bloß über, statt traurig zu sein „haben wir einfach einen schlechten Tag“. Es ist nicht mehr cool sich nach einer Trennung in seine Wohnung zu sperren, den Schmerz auszuhalten, Teller gegen die Wand zu werfen und jemand anders völlig losgelöst anzuschreien ohne gleich die Telefonnummer eines Therapeuten zugesteckt zu bekommen. Es gibt kein Drama mehr, bloß kurze Momente in denen die menschliche Unvollkommenheit in Scherben, Fragmenten oder Gesichtsausdrücken sichtbar wird und wir sie einen Augenblick später mit dem Verweis auf „innerer Unruhe“ höflichst und ergiebig entschuldigen.

Es ist als hätten wir eine kollektive Schlacht hinter uns gelassen. Eine Zeit in der Lieder wie „Unbreak my heart“ die Hitlisten stürmten. Jahre, in denen Bandtrennungen öffentlich passierten, und Rosenkriege durch die Medien, und nicht mithilfe überteuerter Anwälte oder Agenten ausgefochten wurden. Es scheint, als hätten wir uns erholt vom Leiden und Fühlen, vom Dunklen und Negativen und verhalten uns, als hätten wir jemanden, der 24/7 die Pressearbeit für uns erledigt.

Gebrochene Herzen, geheime Zweifel und gescheiterte Träume schmerzen wie offenliegende Wunden im Meerwasser. Doch: egal ob du mit Jeans und T-Shirt in die Wellen schreitest – es wird brennen wie Hölle und du wirst aufheulen wie ein Hund, der endlich versteht, dass sein Herrchen nicht mehr nachhause kommt. Klar, wollen wir lieber glänzen und den Strand mit Bräune und Bikini bereichern, wollen lieber leben und streben nach dem Glück und der Zufriedenheit, nach dem guten Erfolg und dem fairen Geld, der schönen Wohnung und dem richtigen Kerl. Doch nicht immer ist es möglich diesen Schein aufrecht zu halten, nicht immer stehen Tulpen auf meinem Tisch und manchmal, in Zeiten des Sturmes und des Donners kracht die Vase klirrend zu Boden, bevor jemand dazu kommt mir Blumen zu pflücken.

Die wahren Momente der Menschlichkeit passieren jenseits von dem was wir teilen oder dem, was wir gerne zum Gesprächsthema machen. Und obwohl wir heute zum Glück kein Problem mehr damit haben öffentlich über Menstruationsblutungen zu sprechen, wagen wir es nicht der Welt eine weinende, schluchzende oder verwundbare Version unseres Selbst auf dem Silbertablett zu servieren. Zu bitter der Anblick, zu salzig das Leid, zu sauer das Elend. Und das obwohl wir tagtäglich mit Situationen konfrontiert werden, die uns nicht immer bloß heiter stimmen sondern unser Gemüt ins Dunkle drängen und uns zweifeln lassen zwischen Entscheidungen und Zufällen.

Ich habe beschlossen das Wort Stress aus meinem Wortschatz zu streichen und wieder begonnen meine Emotionen stolz und ehrlich beim Namen zu nennen. Ich bin nicht gestresst weil der Verkehr wild war – ich war hungrig und wütend, weil ich zu spät losgefahren bin und unterwegs noch erfahren habe, dass mein Großvater im Krankenhaus liegt. Ich hatte nicht „keinen guten Tag“, sondern habe zugelassen, dass mich jemand schlecht behandelt und bin traurig weil ich nicht den Mut hatte für mich selbst einzustehen. Und ja, ich habe ein gebrochenes Herz, weil ich mich getraut habe zu lieben und nicht weil der Typ ein Arschloch war und mich und meine Aufrichtigkeit nicht verdient hat. Ich feiere den Schmerz, weil er ein Beweis ist für meine Fähigkeit zu lieben.

Mensch sein kommt nicht mit einer Checkliste, aus der man sich die attraktivsten und angenehmsten Gefühle herauspickt und alle anderen so lange ignoriert bis sie leise aber sicher zu Staub zerfallen. Zu leben bedeutet eben mehr als bloß Liebe und Prosecco, Rosen und Gold, MA und BA, BMW und SUV, die ultimative #selflove oder eine originelle Geschäftsidee. Mit dem Menschlichen kommt auch Schmerz und Trauer und Wut und Einsamkeit, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Zweifel, Angst, Panik und Schrecken. Was wäre, wenn wir einen Tag lang all das feierten? Was würden wir uns schenken? Verständnis? Zuspruch? Vielleicht etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann, vielleicht etwas, das für die Augen nicht zu sehen und für Smartphones nicht zu teilen ist. Vielleicht bloß das letzte Fragment, das noch fehlte um unser Herz wieder ganz zu machen.

Photo by Daniel Tafjord on Unsplash

 

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