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Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.

Buch Marie Kondo

Buchclub: The Life-Changing Magic of Tidying Up von Marie Kondo

Vor etwas mehr als einem Jahr konnte man sich vor Blog-Beiträgen und Youtube-Tutorials zum Thema Minimalismus kaum retten. Alles schien auf sein Notwendigstes reduziert und feinsäuberlich an einen eigens zugewiesenen Platz zu thronen. Nachdem YOLO ausgedient hatte, wurde “Ordnung 2.0” zum neuen Credo und verzückte die Szene mit weißen Wänden, Kakteen in Terrakotta-Töpfen und dem verlockenden Versprechen endlich frei zu sein. Um mich herum erhob sich eine Welle des munteren Wegwerfens, Sortierens und Verstauens. Also befasste ich mich ein bisschen intensiver mit dem minimalistisch ausgelegten Ordnungswahn und stolperte immer wieder über die hochgepriesene Bibel des “Decluttering”: The Life-Changing Magic of Tidying Up von der Hohepriesterin der Ordnung: Marie Kondo.

Hände mit Smartphone (C) Gilles Lambert

Social Media – Der Versuch einer Gebrauchsanweisung

Trompe-l’œil – ein Begriff, den mein Schullehrer irgendwann während des zweiten Semesters Kunstgeschichte zwischen Kaffeepause und Mathestunde auf einer seiner zahlreichen Powerpoint-Folien mit anschaulichen Beispielen präsentierte. Trompe-l’œil, das täuschende Auge – eine Illusion in der Kunst. Ein Werk, das Dreidimensionalität vorgibt oder die Textur eines bestimmten Materials. Etwas, das man schlicht und einfach als Täuschung bezeichnen kann. Eine Täuschung, die schön ist und in ihrer Optik scheinbar vollkommen real. Damals eine Königsdisziplin unter Künstlern, ist die Technik heute weiterverbreiteter als je zuvor. Vor allem wenn es darum geht unsere Social Media Profile zu pimpen, greifen wir zu den fantastischsten Mitteln. Photoshop, Lightroom, ein Stempel dort, ein Filter da – und schon sieht man aus wie ein Model in der Lifestyle-Rubrik einer Frauenzeitschrift. Ganz zu schweigen von den geplanten Inszenierungen: Posing, Blumensträuße, Hunde mit schicken Leinen und Menschen in Winteroutfits, die ich nicht mal im Frühling tragen würde, weil mir schon beim Anblick der Lymphknoten anschwillt.

Stapel Bücher mit Tasse Tee (C) Stephanie Rosicka

Die 10-Tage-Minimalismus-Challenge

2017 begann für mich in einem etwas abweichendem Tempo. Anstatt mich auf meine Neujahres-Vorsätze zu stürzen, die Pisten unsicher zu machen oder meine ewig lange Leseliste abzuarbeiten, konzentrierte ich mich auf, nun ja, gar nichts. Die Energie, die mich gewöhnlich zu Beginn des Jahres in eine Art Rauschzustand versetzt, blieb tatsächlich aus und überließ mich meiner Couch und dem Fernseher. Was ich jedoch zum ersten Mal seit Monaten hatte, war Zeit. Zeit, die ich nach 2 Wochen nicht mehr für den hundertsten Weihnachtsfilm oder die dritte Shopping-Tour verschleudern wollte und schließlich zum Reflektieren nutzte.

Raum mit weißen Wänden und Tür (C) Stephanie Rosicka

Mehr Geld, mehr Raum: Ich gebe dem Minimalismus eine Chance

Ich erinnere mich an ein ganz besonderes Spielwarengeschäft aus meiner Kindheit. Es war nicht besonders groß, doch die Wände des Raumes schienen bis nach oben in den vierten Stock zu ragen. Von den Regalen schimmerten Glitzersteine und Barbiepuppen, fröhliches Gedudel war zu hören und in der Action-Ecke warteten grimmige Lego-Piraten auf ihren Einsatz in einer wilden Badewanne. Es war aufregend in diesem winzigen Laden zu stehen, umzingelt von Dingen, die versprachen, Spaß zu machen. Und doch erinnere ich mich auch an spitze Schreie, lautstarkes Wehklagen, stimmliche Oktaven, die man nur als 5-jähriges Kind in die Atmosphäre entlassen kann. Kinder, die ihre Eltern anschrieen, gegen ihren Bauch boxten, Puppen von den Regalen rissen. Wenn ich solche Momente als Kind miterlebte, drückte ich mich verlegen an meine Mutter und wir verließen kommentarlos den Laden.