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Anna, 23: Der Identität zu trotzen fühlt sich manchmal an wie geistige Prostitution

Projekt Polly Illustration Anna 23

Was bedeutet Identität für dich?
Identität hat für mich zwei Bedeutungen: Objektiv betrachtet ist es die Gesamtheit meiner offiziellen und bürokratischen Charakteristika, die mich als Individuum von anderen Menschen abgrenzt. In diesem Zusammenhang ist Identität etwas, das ich nicht eigenständig verändern kann, sondern behördlich ändern lassen muss (wie Name, Adresse, Beruf, Stichwort Zeugenschutz-Programm). Vielleicht ist Identität in diesem Kontext auch stark mit Demographie verbunden. Zum anderen verstehe ich es als etwas stark Subjektives. Ein Konglomerat aus meinen Wurzeln, meinen Charaktereigenschaften, allen äußerlichen, zwischenmenschlichen Einflüssen, meinen Wünschen und Träumen sowie meinen Ängsten und Fähigkeiten – mein großes Ich, welches kontinuierlich in Bewegung ist und sich als solches auch fortlaufend verändert.

Wie findet diese Veränderung statt?
Gerade was die subjektive Identität betrifft bedeutet eine Veränderung oftmals einen langwierigen Prozess und viel Persönlichkeitsarbeit – vor allem, wenn man mit sich selbst unzufrieden ist. Hin und wieder geschieht diese Veränderung aber auch ohne dass man aktiv etwas davon bemerkt. Da realisierst du dann im Nachhinein: „Hey, vor einem Jahr war ich noch ganz anders drauf“. Die Frage „Was macht mich aus?“ liefert meist gute Antworten um die eigene Entwicklung zu verfolgen und zwischendurch Bilanz zu ziehen. Aber auch die objektive Identität lässt sich verändern. Zum Beispiel wenn nach einer Hochzeit plötzlich ein anderer Nachname auf deinem Führerschein steht.

In welchen Momenten fühlst du dich am wenigsten identisch?
Wenn ich etwas machen muss, das nicht meiner Person entspricht und mir gehörig gegen den Strich geht. Manchmal fühlt sich das an wie geistige Prostitution.

Was tust du, um dich wieder identisch zu fühlen?
Mir sagen, dass ich mich gerade bewusst dazu entschieden habe nicht identisch zu sein um der geforderten Rolle gerecht zu werden. Dann besinne ich mich darauf, dass es meine eigene Idee war, mich so zu verhalten, und das innere Gefühl passt sich wieder an.

 

Illustration Kopf
“Die Frage Was macht mich aus? liefert meist gute Antworten um die eigene Entwicklung zu verfolgen und zwischendurch Bilanz zu ziehen.”

 

Hast du schon mal in einer Identitätskrise gesteckt? 
Ja, wegen den klassischen Gründen à la „Will ich so sein, wie ich gerade bin? Will ich beruflich wirklich das machen, was ich gerade mache? Bin ich gut genug, um damit zukünftig mein Geld zu verdienen? Und – will ich das überhaupt? Wer sagt überhaupt, dass man Geld verdienen muss? Will ich den Kapitalismus wirklich unterstützen?“ Da komme ich dann gedanklich vom hundertsten ins tausendste. Gerade jetzt durchlebe ich so eine Situation und zuletzt ging es mir so vor genau einem Jahr.

Beschäftigst du dich aktiv mit deiner Identität oder würdest du sagen es ist ein völlig natürlicher Prozess?
Ich kann entweder aktiv an meiner Identität arbeiten oder sie natürlich wachsen lassen. Außerdem beschäftige ich mich regelmäßig mit Sternzeichen. Ich finde den Gedanken spannend, dass eine Sternkonstellation, ein Tag oder eine Stunde Einfluss auf meine Entwicklung hat.

Identität und Individualität – gehören die beiden deiner Meinung nach zusammen?
Jeder Mensch ist eine einzigartige Summe aus Dingen, die ihn aus- und individuell machen. Objektiv betrachtet, machen mich meine persönlichen und zahlreichen SVA-, Steuer- und Personennummern für die Behörden ebenfalls zu einem unverwechselbaren Individuum. Das gilt natürlich für jede/n BürgerIn innerhalb eines Systems, die/der fleißig Steuern zahlt oder gelegentlich Arzttermine wahrnimmt. Die Summe dieser Individuen bildet demnach wieder eine neue, wenn auch graue Masse. Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Atom ein Individuum ist, ist ein Molekül eine Anhäufung von zwei individuellen Atomen, bildet jedoch eine neue in sich geschlossene Masse.

Wie groß ist der Druck individuell zu sein?
Ich denke, dass dieser Druck stark von Charakter und Berufsbild eines Individuums abhängt und dass nicht jeder Mensch den Anspruch hat, individuell zu sein. Viele fühlen sich wohl, wenn sie einen sicheren Platz in festen Strukturen gefunden haben und dort bleiben können. Für mich als Grafik Designerin ist der Druck allerdings sehr groß, da ich ja sozusagen mit Individualität und dem Versuch meinen eigenen Stil zu finden, Geld verdiene. Klar, wäre es optimal, wenn jede Person in ihrem Beruf die eigene Identität, den eigenen Stil leben dürfte, doch ich weiß auch, dass nicht jeder in diesen Genuss kommt.

In welchem Lebensbereich begegnet dir diese Thematik noch?
Innerhalb der Familie. Tickt man anders als der familiäre Rest, gerät man schnell mal unter Druck und es kann schwer werden die eigene Identität auszuleben. Kommt man beispielsweise aus einer Zahlen und Business orientierten Unternehmer-Familie, möchte selbst jedoch lieber Künstlerin werden, kann das sehr zermürbend sein.  

Hast du das Gefühl, dass du manchmal verschiedene Rollen spielst?
Gerade in meinem Angestelltenverhältnis hatte ich das Gefühl eine Rolle zu spielen, die mich unglücklich machte. Im Grunde denke ich jedoch, dass man stets verschiedene Positionen einnimmt, alleine schon im Freundeskreis. Jede Freundschaft ist anders und ich versuche mich stets auf den Anderen einzustellen. Das ist nichts Negatives oder Verwerfliches, denn ich bin und bleibe dabei immer ich selbst. Manchmal bin ich eben mehr Zuhörerin, manchmal mehr Spaßkanone. Es ist auch natürlich, dass ich vor meinem Partner eine andere Anna sein kann, als vor meinem Arbeitgeber.

Illustration Augen

“Ich bin überzeugt je identischer (und in weiterer Folge authentischer) man ist, desto geringer ist der Unterschied zwischen Fremdauffassung und Eigenwahrnehmung.”

 

Wie leicht ist es für dich deine Identität zu leben?
Natürlich hat jeder einmal Identitätskrisen, aber die grundlegenden Wesenszüge bleiben meiner Meinung nach immer gleich und diese trage ich auch gerne und mit Leichtigkeit nach außen, sobald ich eine positive Resonanz verspüre. Fühle ich mich nicht wohl, will ich mein Innerstes meinem Gegenüber nicht in die Hände legen. Ich sehe es als eine Art Wertschätzung, meine wahre Identität­ – im metaphorischen Sinne – preiszugeben.
Im Bezug auf die objektive Identität verhält es sich etwas anders. Da wir im Staat Österreich leben und ich bis jetzt keine Straftat begangen habe, kann ruhig jeder wissen wie ich heiße, wo ich wohne oder wann ich geboren bin. Zum Glück! Ich denke es ist ein Privileg, keine Informationen zurückhalten zu müssen.

In welchen Situationen hast du das Gefühl “am identischsten” zu sein?
Beim Lachen.

Was würdest du sagen, ist dein größtes Ziel im Hinblick auf deine Identität?
Sie nicht zu verlieren und den Mut zu besitzen mich gegen alles und jeden zu wehren der Eingriff darauf nehmen will. Denn: Mit dem Verlust der Identität raubt man einem Menschen seine Menschlichkeit.

 

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