Monate: September 2019

Greif’ mich an, aber berühr’ mich nicht

Es ist zu heiß an diesem Sonntag Morgen. Ich warte bis der Kaffee kalt geworden ist und flüchte in die dunkelste Stelle des Schattens. Unter dem 100 Jahre alten Marillenbaum breite ich die Zeitung aus und verschlinge eine Zeile nach der anderen. Innenpolitik, Feuilleton, Schulreform. Bis ich plötzlich hängen bleibe und nicht mehr weiter kann. Ein Artikel über Protestaktionen in Hongkong. Nichts Ungewöhnliches, wenn sich ein Volk gegen eine unliebsame Herrschaft zur Wehr setzt. Nichts, das mich zum Stocken bringt. Bis ich zur zweiten Spalte komme. „Be water“ heißt es dort. Eine neue Taktik des Protests, der unvorhergesehen an einem Ort auftaucht, um dann woanders hinzufließen. Eine kurzweilige Straßendemo hier, ein plötzliches Sit-In dort. Alles zu knapp und flüchtig, um eine Konfrontation mit der Polizei zu provozieren. Die Demonstranten bleiben anonym und unsichtbar. Man kann nicht bestraft, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Mein Atem wird flacher. Irgendetwas in mir fällt von einer Höhe. Erzeugt Hitze durch die Reibung mit den Gefühlen in meinem Körper. Der Schatten wird unerträglich heiß. So heiß, dass ich ihn verlassen …