Jahr: 2018

Tisch mit Weingläsern

Glanz, Krampf und Gloria – Ein Hoch auf den Bread-and-Butter Job

Im Sommer 2011 scheuerte ich eingetrocknete Fäkalrückstände mit Gummihandschuhen, Klobürste und Brechreiz von den Toiletten einer Schule. Zusammen mit drei Freundinnen quälte ich mich morgens aus dem Bett und nachmittags in den Bikini um meine nach Essigreiniger duftenden Haare (glaubt mir, nach allem was man dort riecht, ist Essigreiniger wirklich ein Duft) ins Chlorwasser zu tauchen und mich im stechenden Sonnenschein trocken zu schlafen. Die Freuden eines Ferienjobs, bei dem man in Jogginghose erscheinen durfte und am Ende des Monates so viel Kohle bekam, wie jemand im 3. Berufsjahr “laut Kollektivvertrag”.

Neonleuchte "You are here"

Wie ein Sticker meinen Blog rettete: Ein ehrlicher Bericht über neue und alte Tiefpunkte

Auf der Heckscheibe meines Autos klebt ein vergilbter Sticker. „Projekt Polly“ steht da in kaum noch sichtbaren Lettern und bildet in seinem runden rosa Kreis einen unübersehbaren Kontrast zu der schwarz lackierten Umgebung. Ich benutze meinen Kofferraum ungefähr so häufig wie andere ihre Saugglocke. Möglicherweise weil er gerade mal so groß ist wie eine schmale Küchenschublade von Ikea. Doch es passiert gerade an einem Samstag, am Parkplatz des schwedischen Möbelherstellers, als ich eine frisch verpackte Klobrille und nach Heidelbeere duftende Kerzen in den Hinterraum meines Autos packe. „Willst du den Sticker nicht langsam mal abkratzen?“, fragt mich meine Freundin und lädt einen Esszimmer-Stuhl auf die Rückbank. Ich erstarre als mein Blick auf den Sticker fällt. Meine Hand streicht liebevoll über das Plastik, während sie mit zusammengepressten Zähnen die Kartons in den Innenraum des Autos schiebt. Ich seufze laut und lächle still. „Eigentlich nicht“, sage ich als wir wieder im Auto sitzen. „Also jetzt doch nicht mehr? Aber ich brauche noch Tomaten“, sagt sie und für einen Moment sehen wir uns verwirrt an, bis sich die Falten auf unserer Stirn in lautes Lachen auflösen. „Ich dachte du meinst den Supermarkt“, erklärt sie mir als sie sich kichernd die Wimperntusche von der Wange wischt. „Was wolltest du mir sagen?“ Entschlossen nehme ich das Lenkrad in die Hand. „Projekt Polly“, sage ich „ich gebe das Aufhören endlich auf.“

Projekt Polly Illustration Laura 28

Laura, 28: Konflikte bringen mich meinem Selbst näher als das unkomplizierteste Miteinander

Laura ist 28 Jahre alt und lebt in Bayern. In ihrer Freizeit taucht sie gern in Bücher ein und im Sportschwimmbecken ab. Über das und noch mehr schreibt sie übrigens auf ihrem eigenen Blog. Identität ist für mich das eigene Ich. Das Quantum Individualität, das mich von anderen 28-jährigen Mädels mit braunen Haaren unterscheidet – von Geruch über Aussehen, dem Verhalten, bis hin zur Zahnstellung.

Treppe

Zukunft, Ziel und Zuckerwatte: Ein 6-Stufen Plan für Zielwiderstreber [sic!]

Meine Beziehung zu Zielen ist kompliziert. Mir widerstrebt grundsätzlich alles was nach Management-Tool oder Business Analyse Modell klingt, ich aber unbedingt auf mein Leben anwenden sollte um so richtig geile Erfolge zu sehen. Statt Motivation zu verspüren fühle ich mich von Zielen unter Druck und empfinde den Weg dorthin als mühsam und langwierig (und das obwohl ich multi-passioniert und furchtbar talentiert bin). Andere wiederum schleppen Träume länger mit als Omi ihren Bausparer und bringen es einfach nicht fertig einen Schritt vor den anderen zu setzen. Und dann gibt es noch die Leute, die einfach gar keine Ziele haben, weil die Frage „Was will ich?“ ihnen mehr Angst einflößt, als ein Termin zur Kieferbohrung.

Zerbrochener Blumentopf auf Fensterbank

Ein Plädoyer für gebrochene Herzen und gescheiterte Träume

Auf meinem Schreibtisch steht heute Morgen ein Bouquet wunderschöner Tulpen. Sie stecken in einer Vase und leuchten von innen während das Sonnenlicht durch das Fenster fällt und der Geruch von Frühling in meine Nase steigt. Und das obwohl die Blumen im Grunde hirntot sind, bloß noch an lebenserhaltenden Maßnahmen hängen (Wasser) und jede Sekunde weiter vor meinen Augen verrotten. Valentinstag ist der Tag der Liebe, des öffentlichen zur Schaustellens, der Tag der 1.000 Rosen, der ekelhaftesten Pralinen, der kitschigsten Whatsapp-Videos und der unnatürlichsten Gesten des Jahres. Es ist der Tag an dem die Romantik aus ihrem ruinösen Zustand erwacht und wir entweder auf einer Zucker-Wolke schweben (Achtung Diabetes-Gefahr) oder: trinken. Dann verfluchen wir den Konsum und verheizen das letzte Foto unseres Ex-Freundes zusammen mit seiner schwarzen Seele in der Flamme einer Partylight Kerze, während wir lässig an unserem Bier, Wein oder Vodka nuckeln und die Sekunden zählen bis endlich ein neuer Tag anbricht.

Projekt Polly Illustration Anna 23

Anna, 23: Der Identität zu trotzen fühlt sich manchmal an wie geistige Prostitution

Identität hat für mich zwei Bedeutungen. Objektiv betrachtet ist es die Gesamtheit meiner offiziellen und bürokratischen Charakteristika, die mich als Individuum von anderen Menschen abgrenzt. In diesem Zusammenhang ist Identität etwas, das ich nicht eigenständig verändern kann, sondern behördlich ändern lassen muss (wie Name, Adresse, Beruf, Stichwort Zeugenschutz-Programm). Vielleicht ist Identität in diesem Kontext auch stark mit Demographie verbunden.

Projekt Polly Illustration Hand Salbei räuchern

Religion 2.0 – Warum plötzlich alle spirituell werden

Vor 6 Jahren sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, der katholischen Kirche „Lebe Wohl“. Ich lästere nicht über Gott, blättere gerne in der handillustrierten und -geschriebenen Bibel meiner Großmutter, habe ein Faible für die Deckenmalereien der Kirchen und empfinde Respekt für alles, was ich in meiner Kindheit über Religion gelernt habe. Und doch fühle ich mich in den Gebeten nicht zuhause. Also wurde ich ein „ohne Bekenntnis“, ein Atheist, eine Verfechterin der Wissenschaften. Alles woran ich glaubte, konnte ich sehen oder nachlesen, erklären oder zumindest umrisshaft begründen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst, auf alles was ich steuern konnte. Mein Leben, meine Ausbildung, meine Beziehungen. Das funktionierte wirklich einwandfrei – bis der wendende Moment kam und ich die ersten großen Niederlagen einstecken musste. Sinnhaftigkeit in diesen Tiefen zu finden hat nichts mit der Wissenschaft zu tun, auf die man sich im Normalfall so gerne beruft. Stattdessen entsteht Wut. Auf einen selbst, auf die Welt und auf den Zufall, an den man als einzig begründbares Phänomen noch glauben mag.