Jahr: 2017

alle orsch

Perfektionismus Teil 3: Der (innere) Kritiker

„De Wöd is verseicht vor lauter Trottln“, höre ich eines Morgens, als ich über Kaffee und Zeitung am Küchentisch sitze, das Fenster gekippt, die Sonne im Gesicht und die Freude über die anfangs vielversprechende Ruhe schon schwindend im Herzen. Angelockt vom herannahenden Drama, blicke ich auf und unternehme den Versuch einer dezenten Beobachtung, indem ich auf Knopfdruck laut gähne, meine Arme über den Kopf hebe und so tue, als könnte ich dem Drang nicht widerstehen meinen Körper in alle Richtungen auszudehnen. Mit dieser neu gewonnen Größe riskiere ich einen Blick nach unten und kann sehen, wie sich der um 6 Uhr morgens Rasenmähende Hausmeister unseres Wohnkomplexes mit Händen und Füßen über die Hilfsarbeiter der Genossenschaft gebärdet. Daneben der kränkliche Nachbar von 2D – wie ich – mit einer Tasse Kaffee in der Hand, steht er mit hochgezogenen Schultern neben seinem Gesprächspartner und schenkt diesem zur Ermunterung das ein oder andere anerkennende Nicken. Als die Schimpftirade langsam verebbt und der Monolog wieder zum Dialog wird, traut auch er sich endlich etwas zu sagen. „Owa Peppi, ans muas i da jetzan scho sogn. Du bist scho imma sehr kritisch mit die Leit‘.“ In dem Moment kratzt mir der Kaffeesud im Hals und ich beginne laut zu prusten. Peppi, der Hausmeister starrt mir mit großen Augen entgegen und ich falle hustend und vor lauter Schreck über den Stuhl, auf dem ich gerade noch gesessen bin.

Pferde

Perfektionismus Teil 2: Lass’ dir Zeit und hinterfrag’ deine Motivation

Im Moment überschlagen sich meine Ideen wie eine Doppelreihe synchron angeordneter Purzelbäume. Ich spüre allmählich wie sich anfangs vage Gedanken zu einem Ganzen fügen und die unscharfen Umrisse nach und nach klarer werden. Doch mit dieser Deutlichkeit geht vor allem eins einher – mein verrückter Wunsch nach einem 30-Stunden-Tag. Zu dem Überschuss an Ideen gesellt sich auch noch meine Impulsivität, was wiederum dazu führt, dass ich die Welt am liebsten bei jedem neuen Geistesblitz niederreißen möchte. Mich so von diesen Impulsen treiben zu lassen ist jedoch mit Sicherheit der beste Weg um den Spaß an der Sache zu verlieren.

Buch Marie Kondo

Buchclub: The Life-Changing Magic of Tidying Up von Marie Kondo

Vor etwas mehr als einem Jahr konnte man sich vor Blog-Beiträgen und Youtube-Tutorials zum Thema Minimalismus kaum retten. Alles schien auf sein Notwendigstes reduziert und feinsäuberlich an einen eigens zugewiesenen Platz zu thronen. Nachdem YOLO ausgedient hatte, wurde “Ordnung 2.0” zum neuen Credo und verzückte die Szene mit weißen Wänden, Kakteen in Terrakotta-Töpfen und dem verlockenden Versprechen endlich frei zu sein. Um mich herum erhob sich eine Welle des munteren Wegwerfens, Sortierens und Verstauens. Also befasste ich mich ein bisschen intensiver mit dem minimalistisch ausgelegten Ordnungswahn und stolperte immer wieder über die hochgepriesene Bibel des “Decluttering”: The Life-Changing Magic of Tidying Up von der Hohepriesterin der Ordnung: Marie Kondo.

Eismauer

Perfektionismus Teil 1: Die eisige Mauer

In meinem letzten Schuljahr drehte unsere Klasse ein Video, um die Maturanten in spe bei der bevorstehenden Abschlussfeier kurz vorzustellen. Da einen aber bloß die Eltern der Freunde kannten (bei denen man jedes zweite Wochenende Spaghetti aß, und deren Wodka man die letzten fünf Jahre heimlich getrunken hatte), beschlossen wir jeden Schüler mit Foto, Namen und 3 kurzen Charaktereigenschaften visuell abzubilden. Um das ganze ein bisschen aufzulockern, wollten wir die Eigenschaften nicht selbst auszusuchen, sondern die Klasse anonym abstimmen zu lassen. Jeder von uns bekam am Ende des Tages einen Stapel mit 30 kleinen Zettelchen und durfte daraus die besten Vorschläge auswählen. Als die Papierhäufchen letztendlich verteilt wurden, konnte man die Aufregung fast durch das Klassenzimmer wirbeln sehen. „Tollpatschig“ stand auf meinem ersten Zettel. Ich musste schmunzeln. Dann entdeckte ich die unverkennbaren Handschriften meiner Freunde mit herzallerliebsten Komplimenten. Darauf folgten – eher nüchtern – „ehrgeizig“, „nett“, „gut in der Schule“, „höflich“. Und dann kam er. Der Zettel, den ich nie vergessen sollte. In kleinen, krakeligen Lettern standen da drei Worte: „geht über Leichen“.

Hand mit Blume

Ich habe den Spaß am “Gut sein” verloren

Es ist schwierig geworden, für eine Sache einzustehen (und damit auch ernstgenommen zu werden) ohne sich dabei auf ein Extrem einzulassen. Will man über Nachhaltigkeit schreiben, sollte man zumindest auf Plastik verzichten und sich vegan ernähren. Tut man das nicht, hagelt es scharfe Kritik und man fragt sich, warum man überhaupt etwas ändern sollte, wenn man nicht bereit ist, den ganzen Preis dafür zu zahlen.

Hände mit Smartphone (C) Gilles Lambert

Social Media – Der Versuch einer Gebrauchsanweisung

Trompe-l’œil – ein Begriff, den mein Schullehrer irgendwann während des zweiten Semesters Kunstgeschichte zwischen Kaffeepause und Mathestunde auf einer seiner zahlreichen Powerpoint-Folien mit anschaulichen Beispielen präsentierte. Trompe-l’œil, das täuschende Auge – eine Illusion in der Kunst. Ein Werk, das Dreidimensionalität vorgibt oder die Textur eines bestimmten Materials. Etwas, das man schlicht und einfach als Täuschung bezeichnen kann. Eine Täuschung, die schön ist und in ihrer Optik scheinbar vollkommen real. Damals eine Königsdisziplin unter Künstlern, ist die Technik heute weiterverbreiteter als je zuvor. Vor allem wenn es darum geht unsere Social Media Profile zu pimpen, greifen wir zu den fantastischsten Mitteln. Photoshop, Lightroom, ein Stempel dort, ein Filter da – und schon sieht man aus wie ein Model in der Lifestyle-Rubrik einer Frauenzeitschrift. Ganz zu schweigen von den geplanten Inszenierungen: Posing, Blumensträuße, Hunde mit schicken Leinen und Menschen in Winteroutfits, die ich nicht mal im Frühling tragen würde, weil mir schon beim Anblick der Lymphknoten anschwillt.

Fische (C) Annie Spratt

Mehr Mut zum Durchschnitt

Wie oft verwende ich das Wort „normal“? So gut wie nie. Entweder etwas ist gut oder schlecht, hell oder dunkel. Ich bewege mich in einem Universum der Dinge, die außergewöhnlich sind oder merkwürdig, manchmal sogar beängstigend. Normalität hingegen ist der Standard einer Situation: ein gesunder Blutwert, ein BMI von 22 oder 15° C im Frühling. Etwas, das man voraussagen kann und das man bei dessen Eintritt als real akzeptiert. Normal ist nichts, was man erst verarbeiten muss oder etwas, das einen überraschen könnte. Mit Belanglosigkeiten beschäftigt man sich nur kurz, es sind oft primitive Notwendigkeiten wie auf die Toilette zu gehen, bevor man sich wieder in jene Welt begibt, in der alle versuchen hervorzustechen.

Stapel Bücher mit Tasse Tee (C) Stephanie Rosicka

Die 10-Tage-Minimalismus-Challenge

2017 begann für mich in einem etwas abweichendem Tempo. Anstatt mich auf meine Neujahres-Vorsätze zu stürzen, die Pisten unsicher zu machen oder meine ewig lange Leseliste abzuarbeiten, konzentrierte ich mich auf, nun ja, gar nichts. Die Energie, die mich gewöhnlich zu Beginn des Jahres in eine Art Rauschzustand versetzt, blieb tatsächlich aus und überließ mich meiner Couch und dem Fernseher. Was ich jedoch zum ersten Mal seit Monaten hatte, war Zeit. Zeit, die ich nach 2 Wochen nicht mehr für den hundertsten Weihnachtsfilm oder die dritte Shopping-Tour verschleudern wollte und schließlich zum Reflektieren nutzte.