Jahr: 2016

Weg mit Grenze (C) Remi Muller

Moralapostel – Alle Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt Veganismus und brutale Fleischesser, die das Blut grausam geschlachteter Tiere nicht nur zwischen ihren Zähnen, sondern auch an ihren Füßen kleben haben. Es gibt Grün und Blau. Die, die 50, 60 Stunden die Woche im Büro sitzen und jene, die faul sind weil sie mit 30 noch immer studieren und sich von ihren Eltern finanzieren lassen. Die, die alles richtig, und jene, die aus ihrer eigenen Sicht nichts falsch machen. Nichtraucher, die mal Raucher waren und nun über all jene schimpfen, die noch immer bereit sind für eine Packung Zigaretten über 5 Euro zu bezahlen. Es gibt Pro und es gibt Kontra. Und da wo einst Farben waren ist nun nichts mehr. Da wo einst Farben waren, liegt eine stark kontrastierte Linie oder vielmehr eine Grenze, die über “ja” oder “nein” entscheidet. Die meisten von uns leben entlang eben jener Linie in einem Grenzgebiet, das gestattet die Markscheide zwar jederzeit zu überqueren, doch es uns nicht immer leicht macht dorthin auch wieder zurückzukehren. Und obwohl die Entscheidung wohin wir gehen selbst oft schon eine lange kräftezehrende Reise bedeutet, ist der Pfad …

Frau in der Wüste (C) Averie Woodard

TU-ES-DAY: Lebe laut

Frau Müller lebt in der Wohnung nebenan. Bei unserer ersten Begegnung, in dem mit Katzenbilder und Keramikväschen dekorierten Stiegenhaus, offenbarte sie mir in einem einzigen Atemzug, dass ihr Name Hildi sei und sie ausschließlich mit Kopfhörern fernsähe, um auch ja keinen Mehrwert in der Geräuschkulisse zu erzeugen. Hildi war mir sympathisch, wenngleich sie mir auch etwas leid tat, denn – sie lebte leise. Nie drang von ihr auch nur ein Dezibel Lärm durch die viel zu schiefen Mauern unserer beider vier Wände. Nicht einmal dann, als ich – Wohnzimmer an Wohnzimmer – acht tiefe Löcher in die besagte Wand bohrte von denen sich am Ende nur zwei als brauchbar erwiesen. Niemals klingelte es an meiner Tür oder klopfte es an der Wand. Auch nicht, als ich mit Freunden Feste feierte und wir Musik spielten oder um 03.00 Uhr morgens lautstark in der Küche Pasta kochten, weil Pasta nunmal das einzige ist, was ich nach zwei Flaschen Wein noch kochen kann. Zugegeben – wir waren keine ohrenbetäubend lauten Radaumacher, die es verdient gehabt hätten, von der Polizei zurechtgewiesen zu werden. Dennoch war ich rücksichtslos und hätte das ein oder andere mal erwartet, Hildi auf meiner Fußmatte wütend stampfen zu sehen.

Laufende Kinder auf Wiese (C) Jordan Whitt

TU-ES-DAY: Finde dein Tempo und lauf’ los

Ich bin definitiv keine Sportskanone. Mannschaftssport setze ich mit einer grausamen öffentlichen Folter gleich – Blamage, körperliche Schmerzen und Menschen (Kinder sind grausam), die sich köstlich darüber amüsieren, dass der scheinbar einzig funktionierende Körperteil an mir mein Mund ist, aus dem ein wehklagender Schrei nach dem anderen dringt. Erst als ich die geheimen Vorzüge des Einzelsports für mich entdeckte, begann ich “Bewegung” mit anderen Dingen als Angstschweiß und Pein zu assoziieren. Also kaufte ich mir ein verbilligtes Paar Laufschuhe und beschloss mir selbst ein Bild von dem Just-Do-It-Hype zu machen. Die ersten 50 Meter lief ich mit Bravour – graziös, schnell und unbeugsam. Die nächsten 100 lief ich schon mit schnappendem Atem und als ich den ersten halben Kilometer erreichte, musste ich mir eingestehen, dass mein Anfangs-Tempo mehr als unrealistisch gewesen war. Ich verringerte meine Laufgeschwindigkeit drastisch – in Wahrheit kann man wahrscheinlich eher von beschwingtem Gehen sprechen – und schaffte es eine halbe Stunde später mit hochrotem Kopf durch’s Ziel.

Lesender Mann in Bar

TU-ES-DAY: Triff’ deine eigenen Entscheidungen

Entscheidungen sind ein fester Bestandteil unseres täglichen Lebens. Dieser variiert in seiner Ausprägung vor allem aufgrund kultureller Differenzen – Gesetze, Politik und Glaubenssätze beeinflussen nicht nur wie wir entscheiden, sondern auch was wir entscheiden (dürfen). Die Wahlmöglichkeiten reichen von spärlich bis endlos und können aufgrund ihrer Vielfalt zur absoluten Verzweiflung führen. Steht man in einem Eisgeschäft, das 100 Sorten anbietet, sollte man schon genau wissen was man möchte, um keinen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Zugegeben – Entscheidungen zu treffen ist nicht immer leicht. Meist haben wir genau dann Probleme damit, wenn die Auswirkungen des Entschlusses unsere Zukunft gravierend beeinflussen – ein potentieller Neuanfang in einer fremden Stadt, eine aufregende Karrierechance oder der Entschluss aus einer Bettgeschichte eine Beziehung werden zu lassen. Stehen uns Entscheidungen solcher Art bevor, verwandeln wir uns in unausstehliche Nervensägen. Wir quälen unsere Freunde mit endlosen Telefonaten, unzähligen Nachrichten und treiben sie durch unser Elend dazu, bei jedem Gespräch mindestens zwei Flaschen Wein zu köpfen, damit sie die nächsten Stunden an unserer Seite auch irgendwie überstehen. Am Anfang hört man uns meist noch an, doch nachdem man die Sache fünf- sechsmal zusammen durchgekaut hat, fällt es dem Gegenüber sichtlich …

Stehende Frau mit den Händen in der Hüfte (C) Alexa Mazzarello

TU-ES-DAY: Verbanne “ich muss” aus deinem Wortschatz

Wenn ich für jeden Satz, der ein “ich muss” beherbergt, Geld bekommen würde, könnte ich mir mit meinen eigens auferlegten Pflichten ein neues Auto kaufen. Und ich rede jetzt nicht von einem Gebrauchtwagen mit Dellen an der Seite, abgefahrenen Reifenprofilen und ranzigen Klebefolien an den Türen. Nein – ich könnte mir tatsächlich einen richtig schicken Wagen kaufen, mit Alufelgen so groß wie eine Badewanne und all dem restlichen Schnicki Schnacki, das die Augen eingefleischter Autofreaks zum Strahlen bringt.

Boot am Wasser (C) Filip Cernak

TU-ES-DAY: Genieß’ dich selbst

Viele von uns verbinden die Phrase “allein sein” mit dem Gefühl von Einsamkeit. Das Telefon muss immer griffbereit sein, die Freunde immer in unmittelbarer Nähe und die geliebten Social Media Kanäle sollten am besten alle vorhandenen Screens bespielen, die unsere Wohnung zu bieten hat. Doch was passiert wirklich, wenn wir nicht erreichbar sind, keine bekannten Gesichter um uns haben oder wir uns an einem Ort befinden, der weder WLAN noch Netz hergibt?

Freunde machen ein Lagerfeuer am Strand (C) Kimson Doan

Wenn lachen weh tut: Gefangen zwischen echtem Ernst und falschem Spaß

Für diejenigen, die sich für die Butterseite des Lebens entschieden haben, bedeutet der Sommer vor allem Freiheit. Frei sein von jeglichen schulischen Verpflichtungen, durch die Welt reisen, sich an verlassenen Stränden fotografieren lassen, lange schlafen und noch länger feiern. Der Ernst des Lebens wartet auf uns am Ende der Ferien in Form von verwirrenden Stundenplänen, vollen Kurslisten und frisch gespitzten Bleistiften. Das Gemüt orientiert sich am Wechsel der Jahreszeiten und wandert von heiter auf wolkig, oder vielmehr Gewitter/Regen-wolkig. Wenn man sich bereits oder von Haus aus entschieden hat dem Schul- oder Uni-Leben die kalte Schulter zu zeigen, beläuft sich das Ausmaß der Freiheit auf eine lächerliche Zeitspanne von 2 bis maximal 3 Wochen pro Sommer. Und obwohl bei Wiedereintritt in den alltäglichen Wahnsinn meist noch die Sonne scheint, ist es plötzlich Herbst, der in Form einer eisigen Brise die Gedanken in Schockstarre versetzt. Selbst wenn man seinen Job, sein Studium, sein Praktikum liebt – einen Tag ohne jegliche Verpflichtungen zu leben erfordert ausschließlich Spaß, während ein anderer – ein gewöhnlicher – von uns verlangt Kontrolle zu bewahren, pünktlich um 6.00 Uhr aus dem Bett zu springen und ein gewisses Maß Ernsthaftigkeit an den Tag zu legen. Klingt fast lustig, oder?

Zugefrorener See (C) Nathan Anderson

Das Oberflächen- und Tiefenverhältnis einer Persönlichkeit

Die RMS Titanic, von Menschenhand gebaut, königlich und das damals größte Schiff der Welt verlor gegen einen Eisberg, der etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland auf sie wartete. Diese Geschichte inspirierte selbst Jahrzehnte später Filmemacher und Drehbuchautoren zur Aufarbeitung der damals größten Katastrophe der Seefahrt. Ich war zehn als ich “Titanic” das erste Mal durch den Türspalt auf dem Fernseher im Wohnzimmer mitverfolgte. Und obwohl ich mich weder daran erinnere, inwieweit ich dem Drama damals folgen konnte – so erinnere ich mich doch an meinen Ärger auf diesen verhängnisvollen Eisberg. Wie konnte die Natur es wagen ein Schiff zu zerstören, das nicht nur eine „Romeo und Julia“-reife Liebesgeschichte barg, sondern auch ein Versprechen des Fortschritts und der Schönheit? Obwohl die Crew 2 Stunden und 40 Minuten Zeit hatte, um die Passagiere zu evakuieren forderte die Misskalkulation der Rettungsbote seine Opfer und riss 1514 Menschen mit in den Tod. Anstatt die Sicherheit der Menschen durch die Erhöhung der Anzahl der Rettungsboote zu gewährleisten, entschied man sich damals aus optischen Gründen schlichtweg für eine breitere Schiffs-Promenade. Doch selbst diese konnte das Schiff nicht vor seinem Untergang bewahren.

Hirsch (C) Trevor Paterson

Sehen und gesehen werden: Der allgegenwärtige Blick und seine Rollenbesetzung

Seit meinem 15ten Lebensjahr sind High-Heels ein fester Bestandteil meiner “Club-Garderobe”. Mit meinem gefälschten Ausweis, einer kräftigen Portion Make Up und zehn Zentimetern mehr winkten mich die Türsteher unbeirrt durch die verbotenen Eingänge und ermöglichten mir Zugang zu durchtanzten Nächten und neuen Erfahrungen. Dass ich ein paar Jahre später meine Volljährigkeit erreicht hatte, hinderte mich nicht daran meiner “Uniform” treu zu bleiben und die Künstlichkeit meines Auftritts zu überdenken. Ich habe oft Stunden damit verbracht meine Haare zu stylen, mein Outfit auszuwählen und mich wie eine Maskenbildnerin zu schminken, nur um dann drei Stunden in einem mittlerweile langweiligen Club zu verbringen. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich alles reiner Blödsinn. Doch was wusste ich schon mit 16, 17 Jahren? Es gefiel mir, einen Raum zu betreten und die Blicke anderer auf mir zu spüren. Plötzlich war ich nicht mehr das pubertierende Mädchen vom Land, sondern eine begehrenswerte junge Frau. Die Tatsache, dass ich diese Anerkennung genoss, sagt einerseits viel über mein damaliges Selbstbewusstsein aus; Andererseits jedoch auch darüber, was ich mir von der Gesellschaft so abgeschaut habe – und damit meine ich nicht den perfekten Lidstrich oder einen kurzweiligen Fashion-Trend.

Das Auto als Repräsentant des inneren Kontrollzwangs

Ich leide zum Glück nicht unter Flugangst. Wenn ich einen Flughafen betrete, checke ich meinen Kontrollzwang zusammen mit meinem Gepäckstück beim Schalter ein und übergebe den übrig gebliebenen gedanklichen Rest beim Einsteigen dem lächelnden, meist gut gelaunten Personal der Fluggesellschaft. Nachdem ich meinen Sitzplatz gefunden habe, mache ich es mir gemütlich. Musik an, Schuhe aus, Snacks raus. Zugegeben – ein volles Flugzeug und ein enger Platz in der Economy Class sind nicht gerade die angenehmsten Umstände, um einen 9-Stunden-Flug entspannt zu überstehen, doch sie lösen in mir bei weitem nicht so viel Stress aus wie Autofahren.